Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Ad Hoc281: Rebellischer Autoritarismus
Zeit:
Dienstag, 15.09.2020:
13:30 - 16:30

Chair der Sitzung: Maurits Heumann, Institut für Sozialforschung
Chair der Sitzung: Ferdinand Sutterlüty, Institut für Sozialforschung
Chair der Sitzung: Vera King, Sigmund-Freud-Institut
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Das rebellische Element im Autoritarismus

Vera King1, Ferdinand Sutterlüty2

1Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt a. M.; 2Institut für Sozialforschung, Frankfurt a. M.

Dieser Beitrag von Vera King und Ferdinand Sutterlüty, der in das Thema der Ad-hoc-Gruppe einführt, widmet sich dem paradox anmutenden Phänomen eines „rebellischen Autoritarismus“, das gegenwärtig unterschiedliche politische Strömungen und Bewegungen zu prägen scheint. In heute zu beobachtenden Erscheinungen ‒ etwa des Nationalismus, Rechtspopulismus oder Dschihadismus – verbinden sich rebellische und autoritäre Elemente: Das Rebellische kommt unter anderem in Frontstellungen gegen das politische ‚Establishment‘ oder gegen die säkular-westliche Hegemonie zum Ausdruck. Handlungs- und diskursleitend ist dabei primär die Destruktion demokratischer Aushandlung und sozialer Kooperation; Elitenkritik scheint sich mit einer maliziösen Verliebtheit in die Zerstörung zu verbinden. Das autoritäre Element zeigt sich in der Verteidigung ethnisch-nationaler Etabliertenvorrechte, religiöser Auserwähltheitsvorstellungen sowie althergebrachter Gender- und Familienordnungen, die gegen Liberalisierungs-, Egalisierungs- und Demokratisierungsbemühungen in Anschlag gebracht werden. Alle diese Tendenzen können sich im digitalen Raum austoben und eigendynamisch verstärken.

Die für den klassischen Autoritarismus charakteristische Verbindung zwischen autoritärer Unterwürfigkeit gegenüber den etablierten Mächten und autoritärer Aggression gegen Schwächere scheint sich auf den ersten Blick teilweise aufgelöst zu haben. Bei näherem Hinsehen wird man indessen nicht nur schnell feststellen, dass bereits in früheren Autoritarismus-Studien des Instituts für Sozialforschung das rebellische Element eine große Rolle spielte. In Untersuchungen wie den „Studien über Autorität und Familie“ (1936) bis zu den fünfbändigen „Studies in Prejudice“ (1949‒50) und dem „Gruppenexperiment“ (1955) wurden immer wieder rebellisch-autoritäre Syndrome diagnostiziert. Überdies bieten diese klassischen Studien, trotz ihres spezifischen Zeitkerns, mit ihren sozialpsychologischen Analysen wirkmächtiger Projektionen und Abwehrmechanismen vielfältige Anknüpfungspunkte für die Untersuchung gegenwärtiger und neuartiger politischer Einstellungen und Bewegungen. Ins Zentrum rücken dabei entgrenzte Aggressionen und paranoide Weltsichten als Kernelemente des rebellischen Autoritarismus, für die es, wie King und Sutterlüty vor Augen führen, zugleich neuer analytischer Zugänge bedarf.



Regresssive Rebellen

Maurits Heumann1,2, Oliver Nachtwey2

1Institut für Sozialforschung, Deutschland; 2Universität Basel, Schweiz

Im Jahr 2017 haben wir in Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation Campact e.V. eine explorative Studie über neue Formen des Autoritarismus in der Zivilgesellschaft durchgeführt. In diesem Zusammenhang konnten wir 16 biografisch-narrative Interviews mit Campact-Unterstützer_innen führen, die in der Online-Kommunikation mit Campact eine Sympathie für die AfD zu erkennen gaben. Diesen scheinbaren Widerspruch zwischen der Unterstützung einer progressiven Bewegungsorganisation und der Parteinahme für AfD-Positionen nahmen wir zum Ausgangspunkt, um nach neo-autoritären Formen politischer Partizipation zu fragen. Im Anschluss an die Studien zum autoritären Charakter von Adorno et al. (1950) und Robert K. Mertons Überlegungen zu Sozialstruktur und Anomie (1995) konnten wir eine Typenbildung vornehmen, in der wir Sinngebungen, biografische Entwicklungen und sozialstrukturelle Merkmale in zwei empirisch begründeten Typen verdichteten: die autoritären Innovatoren und die regressiven Rebellen.

Beide Typen bringen eine autoritäre Entfremdung mit der sozialen und politischen Ordnung zum Ausdruck. Während die autoritären Innovatoren konformistischer sind und sich im Umgang mit Autoritäten und Fremden eher institutionell-subversiv verhalten, sind die regressiven Rebellen nonkonformistisch und antiautoritäre Autoritäre. Sie treten in eine Art konspirative Rebellion gegen die Sitten, Institutionen und Gesetze der freiheitlich-demokratischen Ordnung. In unserem Beitrag bieten wir eine dichte Beschreibung und soziologische Interpretation des zweiten Sozialtypus, der in vielerlei Hinsicht ein zeitgenössisches Phänomen darstellt und in unserer Studie häufiger auftritt.



Autoritarismus und Individualismus – die „Authoritarian Personality“ heute

Karin Stögner

Universität Passau, Deutschland

Hass auf Differenz und Identitätszwang sind Schlüsselmomente des Autoritarismus, wie ihn die Kritische Theorie der Frankfurter Schule analysiert hat. Als analytisches Konzept fasst die „autoritäre Persönlichkeit“ unterschiedliche Formen der beschädigten Subjektivität in der Moderne, die nicht psychologisch individualisiert, sondern politisch und gesellschaftlich in einem breiteren Rahmen verortet werden, dem „antidemokratischen ideologischen Syndrom“.

Ausgehend davon wird in dem Vortrag nach der Aktualität des Konzepts gefragt und auf gegenwärtige Formen des Autoritarismus bezogen. Warum sind Ressentiments und Ideologien wie Nationalismus, Antisemitismus und Antifeminismus durch allen sozialen Wandel hindurch so wirksam? Lässt sich daraus eine Permanenz der autoritären Persönlichkeit ablesen? Und wie ist die Komplexität des Individualismus zu beurteilen – Gegenkonzept oder doch ein aktueller Ausdruck des Autoritarismus?



‚Rechtspopulismus‘ und digitale Medien – sozialpsychologische Thesen

Steffen Krüger2, Katarina Busch1

1Sigmund-Freud-Institut, Deutschland; 2University of Oslo, Norwegen

Die im Zuge der Corona-Pandemie eingeführten Isolationsmaßnahmen brachten zunächst große Teile des sozialen und wirtschaftlichen Lebens in Deutschland zum Erliegen und dann, in einer späteren Phase, zahlenmäßig kleinere, jedoch politisch signifikante Proteste und Demonstrationen hervor. Es sind diese Demonstrationen, die uns als Forschungsgegenstand und Ausgangspunkt für Beobachtungen über Rechtspopulismus im Zusammenhang mit digitalen Medien dienen sollen: Hier bild(et)en sich, so unsere These, Konstellationen und Allianzen von Glaubens- oder Interessengemeinschaften ab, die in just diesen Zusammensetzungen der Logik und kulturellen Dynamik digitaler Medien zu entsprechen scheinen: frustrierte Vertreter*innen der bürgerlichen Mitte, Esoteriker*innen und Naturalist*innen, Impfgegner*innen und Verschwörungstheoretiker*innen, Rechtspopulist*innen und -extreme, bis hin zum äußerten, antisemitischen Rand des Spektrums. Damit wird hier physisch repräsentiert, was in digitalen sozialen Netzwerken an rechtspopulistischen Haltungen und Identitäten produziert und in Spannung und Konflikt mit traditioneller Politik und politischen Nachrichten gebracht wird.

In unserem Vortrag wollen wir auf Basis des auf YouTube auffindbaren Materials über die Demonstrationen in Stuttgart sowie im Rückgriff auf medien- und kulturwissenschaftliche Literatur, sozialpsychologische (psychosoziale) Thesen zu Rechtspopulismus und digitalen Medien herausarbeiten und zur Diskussion stellen.



Die Verhimmelung der Autorität. Freiheit, Aggression und Unterwerfung in der dschihadistischen Subkultur

Felix Roßmeißl

Institut für Sozialforschung Frankfurt, Deutschland

1936 schrieb Max Horkheimer, dass »der Kampf gegen die Abhängigkeit von Autoritäten« schon häufig mit der »Verhimmelung der Autorität als solcher« einherging; konkret sprach er vom historischen Protestantismus. Bei gleichzeitiger Auflehnung gegen Kirche und Papst forderte er die strenge Unterwerfung unter das religiöse Gesetz. An die Stelle weltlicher Autoritäten von Personen und sozialen Institutionen setzte er die abstrakte Autorität Gottes.

Eine ähnliche Konstellation findet sich bei einer zeitgenössischen Bewegung, die jedoch kaum als religiöse Erneuerungsbewegung wahrgenommen wird: dem salafistischen Dschihadismus. Der Tauhīd, das Prinzip der Einheit Gottes, steht im Zentrum seiner Ideologie und erfährt eine Interpretation, die dessen Geltung von der Politik bis zur individuellen Lebensführung auf alle Bereiche ausweitet. Der „wahre Muslim“ muss sich von jeder Autorität lossagen, die unvereinbar mit dem Gesetz Gottes ist. Von Gelehrten und popkulturellen Idole, über die eigenen Eltern, hin zu staatlichen Instanzen und gesellschaftlichen Werten: zugunsten des einen Gottes und seiner Gesetze bekämpft der Dschihadismus fast alles, was im Diesseits mit dem Anspruch einer Autorität auftritt.

Möchte man den westlichen Dschihadismus verstehend erklären, sollte man den ambivalenten Zügen der Ideologie und der Subjektivierungsprozesse Rechnung tragen und der Gleichzeitigkeit von autoritätskritischen Impulse und repressiver Unterwerfung unter die verhimmelte Autorität nachgehen. Vor diesem Hintergrund diskutiere ich zwei Fragen:

1) Was charakterisiert das autoritäre Syndrom des westlichen Dschihadismus? Welche spezifische Konstellation von Unterwerfung, Aggression, Gewalt, Rebellion und Autonomiebestrebung kennzeichnet dessen Ideologie und Praxis?

2) Warum schlagen junge Männer aus Deutschland diese autoritären Wege ein? Da dschihadistische Karrieren meist in die Lebensphase der Adoleszenz fallen, rekonstruiere ich an einem empirischen Fall, welche Bedeutung der „Verhimmelung von Autorität“ in dieser Phase des biografischen Übergangs zukommt: Welche sozialen Erwartungen, Ansprüche und biografischen Erfahrungen werden durch die Karrieren verarbeitet und welche Auswege scheint die Unterwerfung unter das „andere Gesetz“ zu bieten?



 
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