Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Ad Hoc234: „Good night, sleep tight!“ – Schlaf im Spannungsfeld von Gesellschaft und Natur
Zeit:
Freitag, 18.09.2020:
13:30 - 16:30

Chair der Sitzung: Darius Zifonun, Philipps-Universität Marburg
Chair der Sitzung: Nicole Zillien, Universität Gießen
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Schlaf gestalten – Zur Soziologie des Schlafwissens

Dariuš Zifonun1, Nicole Zillien2

1Philipps-Universität Marburg, Deutschland; 2Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Dass der Schlaf nicht von der Natur diktiert, sondern vielmehr sozial ausgestaltet ist, lässt sich besonders gut im Fall von Schlafstörungen beobachten: Hier stellt in unserer Gesellschaft das wissenschaftliche Wissen die zentrale Bezugsgröße zur Modifikation der (inneren wie äußeren) alltagsweltlich eingeübten Schlafbedingungen und damit zur Verbesserung des schlafinduzierten Erholungseffekts dar. Die Geltung des wissenschaftlichen Schlafwissens ist jedoch fortlaufend fachwissenschaftlichen Wandlungsprozessen unterworfen und zudem ständig der praktischen Bewährung ausgesetzt. Wir untersuchen nun am empirischen Beispiel des Schlafwissens, wie das wissenschaftliche Wissen – das in der sogenannten Wissenschaftsgesellschaft als zentrale Orientierungsgröße definiert und zugleich in seiner Geltung infrage gestellt wird – im Alltag zur Anwendung kommen kann. Hierzu nehmen wir die Konstellation des Schlaflabors und die Praktiken des digitalen Selbstvermessens in den Blick. Auffallend ist jeweils, dass neben der Technisierung, Quantifizierung und so angestrebten wissenschaftlichen Objektivierung des Wissens zugleich eine hohe Relevanz vorwissenschaftlichen Wissens zu erkennen ist. Dies gilt, weil zum einen (beim Sleeptracking) die Instrumente der Schlafforschung in selbstexperimentellen Settings und abgefragten Selbsteinschätzungen immer wieder auf subjektive Empfindungen zurückgreifen und so Subjektivierungen des Wissens vorgenommen werden. Zum anderen muss gültiges Schlafwissen (im Schlaflabor) im Spannungsfeld von apparatemedizinisch generiertem und alltagsweltlichem Schlafwissen, die sich in Entstehung und Struktur stark unterscheiden, ausgehandelt werden. Die Herstellung „geltenden Schlafwissens“ wird somit alltagssoziologisch als Suche nach dem praktischen Sinn des Schlafwissens verstanden. Dieses immer wieder neue zu schaffende Schlafwissen steht im Dienst der Lösung von Schlafproblemen und etabliert sich vor dem Hintergrund eines erschütterten Glaubens an die Gültigkeit des eigenen und des wissenschaftlichen Schlafwissens (auf Seiten der Laien) und der von methodischem Zweifel angetriebenen Wahrheitssuche (auf Seiten der Experten). Das Zusammenspiel von objektivierender Technologie und subjektiver Empfindung stellt sich als eine „tastende Suche“ (Rheinberger 2002: 77) nach dem gemessenen und gefühlten Ausgeschlafensein dar.



Jedes Kind kann schlafen lernen? Der Babyschlaf zwischen Naturalisierung und Perfektionierung

Sophie Merit Müller1, Larissa Schindler2

1Universität Tübingen, Deutschland; 2Johannes Gutenberg-Universität, Deutschland

Der Schlaf eines Säuglings zählt zu den ersten Aufgaben, die Eltern zu bewältigen haben. Zwar würden Babys auch ohne Zutun ihrer Eltern schlafen, aber sehr wahrscheinlich würden sie nicht den gesellschaftlich präferierten Schlafrhythmus entwickeln. Das Schlafen, insbesondere das Einschlafen stellt die Eltern dabei vor besondere Herausforderungen, entzieht es sich doch einer aktiven Steuerung. Vor diesem Hintergrund fragen wir, wie Schlafen im familiären Alltag vermittelt und organisiert wird. In welchem Zusammenhang stehen elterliche Versuche, Schlafpraktiken zu vermitteln, mit dem als natürlich angenommenen Schlafbedarf des Kindes?

Anhand von Ratgeber-Büchern als wissenssoziologisch-ethnografischem Datenmaterial wenden wir uns zunächst den Konzeptionalisierungen des kleinkindlichen Schlafens zu. Bemerkenswert sind hier die argumentativen Spannungen zwischen den in ihrer sozialen Konstruktion unhinterfragten „natürlichen“ Schlafbedürfnissen (und ihrer ‚wissenschaftlichen’ Erhebung am eigenen Kind, z.B. mit Schlafprotokollen) und dem systematischen Streben nach einer Perfektionierung des Babyschlafs nach Mustern, die wiederum normiert und naturalisiert werden. In den konkreten Beschreibungen und Handlungsempfehlungen spiegeln sich komplexe Tätigkeiten und Verflechtungen: Praktiken des Zubett-Bringens müssen nicht nur anderen sozialen Verpflichtungen, sondern auch mit dem gesellschaftlich normierten Schlaf der Eltern koordiniert werden. Beim Zubett-Gehen selbst werden Elternkörper und dingliche Objekte auf eine Weise mit dem Babykörper koordiniert, dass dieser in den Schlaf findet. Mit zunehmendem Lebensalter werden beruhigende Elternkörper durch ein Arsenal an Dingen ersetzt; die Ideale, „allein einschlafen“ und „endlich durchschlafen“ zu können, entpuppen sich somit als die Kompetenz der Kinder, mit Objekten statt Körpern in den Schlaf zu finden (und die Nacht hindurch schlafend zu bleiben). Kinderkörper sind dabei aber, so zeigt sich im Ausblick, widerständig und im Wandel; sie erfordern ein ständiges Adjustieren und Umlernen der Eltern.



„Schneller schlafen“? Die Entdeckung einer „Ressource“ im 20. Jahrhundert

Hannah Ahlheim

Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Schlafen sei eine „rationale“ und natürliche „Maximalschranke“ des Arbeitstages, so beschrieb es Karl Marx. Eben diese Funktion als „Schranke“ zwischen Arbeiten und Ruhen ließ den Schlaf seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer öfter zum Gegenstand medizinischer, physiologischer, psychologischer und soziologischer Forschung werden. Die Phantasie, die Schranke verschieben oder gar beseitigen und besser, „schneller“ schlafen zu können, faszinierte Unternehmen, Politiker, Militärs, Schriftsteller und Schlafende gleichermaßen. Doch auch die Angst vor dem Verlust des Schlafes und damit auch vor dem Verlust der Leistungsfähigkeit wuchs. Der ermüdende und müde Mensch musste in der industrialisierten Gesellschaft des 20. Jahrhunderts nachts mithalten mit dauerwachen Maschinen, immer hellem elektrischem Licht, mit neuen Kommunikations- und Fortbewegungsmitteln und einem expandierenden Nachtleben. Fast schon programmatisch formulierte ein Beitrag auf dem Symposium „Schlaf und Ökonomie“ der deutschen Schlafforschung im Jahr 2000: „In der sich entwickelnden 24-Stunden Gesellschaft müssen die chronologischen Bedürfnisse des Menschen eingeplant werden, sonst sind Gesundheit, Lebensfähigkeit und Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.“

Der Vortrag wird anhand von ausgewählten Beispielen aus Deutschland und den USA einen Überblick über die Entwicklung von „Schlafwissen“ im „langen“ 20. Jahrhundert geben und diskutieren, wie, wann und von wem Schlaf als Schranke oder gesellschaftliche „Ressource“ verstanden und verhandelt wurde. Dabei waren „Ermüden und Schlafen“ im 20. Jahrhundert bereits zu sehr privaten, „relativ autonom, außerhalb der Arbeitszeit erfahrbaren Körperzuständen“ (Peter R. Gleichmann) erklärt worden. Diese Spannung zwischen als privat, als „eigen“ erfahrenen Bedürfnissen, die gleichzeitig wissenschaftlich vermessen, sozial bestimmt und ökonomisch „verplant“ wurden, macht Schlafenwissen zu einem Thema, an dem zentrale Entwicklungen und Strukturen gesellschaftlicher und individueller Macht in modernen Gesellschaften nachvollzogen werden können. Eine Geschichte des Schlafs kann zeigen, wie die träumende Seele und der schlafende – oder „schlafgestörte“ – Körper in den Blick von Experten und Öffentlichkeit rückten und das „Leben […] in den Herrschaftsbereich der Macht“ (Michel Foucault) geriet.



Sleeptracking – Zur digitalen Vermessung des Schlafs

Stefan Meißner

HS Merseburg, Deutschland

Die Selbstvermessung durch Fitnesstracker und Smart Watches ist mittlerweile eine etablierte soziale Praktik, die gleichwohl – auch in der Soziologie – vornehmlich kulturkritisch als Ökonomisierung des Sozialen beäugt wird. Am Beispiel des Sleeptrackings wird diese Perspektive mithilfe der begrifflichen Unterscheidung von Selbsteffektivierung und Selbststeigerung kritisiert. Insbesondere beim Schlaf wird so die Frage nach Verfügbarkeit/Nichtverfügbarkeit, die mit Selbstvermessungspraktiken einher geht, neu gestellt. Zum Abschluss soll diese Analyse noch mit der "Datenspende-App" des RKI ins Verhältnis gesetzt werden.



 
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