Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
SekLAuE1: Sektion Land-, Agrar- und Ernährungssoziologie: Ländliche Räume im Spannungsfeld – wovon eigentlich? Neuere Forschungen zu territorialen Ungleichheiten
Zeit:
Freitag, 18.09.2020:
13:30 - 16:30

Chair der Sitzung: Lutz Laschewski, Johann Heinrich von Thünen-Institut Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei
Chair der Sitzung: Jana Rückert-John, Hochschule Fulda
Chair der Sitzung: Moritz Maurer, Universität Basel
Chair der Sitzung: Annett Steinführer, Johann Heinrich von Thünen-Institut Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Politisches Alltagsgemurmel – Wahrnehmungen territorialer Ungleichheiten in der ländlichen Peripherie

Susann Bischof

Thünen-Institut für Ländliche Räume, Deutschland

Territoriale Ungleichheiten sind in ihrer Repräsentation oft Karten mit Raumeinheiten in Schattierungen von Boom bis Zerfall oder nationale Rankings von Landkreisen und Gemeinden, an die mediale Debatten anschließen, ob die dabei letztplatzierten Regionen nicht ganz aufzugeben seien. In Deutschland werden solche räumlichen Dispartitäten zugleich erklärend für den Wiedereinzug von Rechtsaußen in die Parlamente und Räte herangezogen und seither verstärkt problematisiert. Politisch bearbeitet wurden sie hierzulande jüngst vor allem unter dem Stichwort „gleichwertige Lebensverhältnisse”.

Trotz vielfältiger Visualisierungen, Problematisierungen und politischer Bearbeitungen territorialer Ungleichheiten bleiben alltägliche Wahrnehmungen von Menschen vor Ort oftmals analytische Leerstellen (Keim 2006). Wer räumliche Spannungen wie erfährt, beurteilt und verarbeitet ist empirisch unterbelichtet. Hier setzt der Beitrag an und fokussiert die Deutungen, Wahrnehmungen und Problematisierungen territorialer Ungleichheiten im Sinne einer Politik des Alltäglichen am Beispiel zweier ländlicher Regionen Ostdeutschlands. Das Material dazu wurde im DFG-Projekt „Soziale Benachteiligung in ländlichen Peripherien in Ostdeutschland und Tschechien“ erhoben.

Die Analyse basiert auf Expert*innengesprächen mit regionalen und lokalen Funktionsträger*innen aus Politik, Verwaltung, Wohlfahrt und Vereinen sowie problemzentrierten Interviews mit älteren Alleinlebenden, Arbeitsmarktbenachteiligten und Alleinerziehenden über ihr Alltagsleben in der ländlichen Peripherie. Die Zusammenführung der Perspektiven schenkt den Vagheiten und Widersprüchlichkeiten, dem „Lärm“ (Rancière 2002) und dem Grummeln über ‚die da oben‘ und ‚die anderswo‘ besondere Aufmerksamkeit. Die Rekonstruktion dieses „Alltagsgemurmels“ (Poferl 1999) über territoriale Ungleichheiten lässt ganz unterschiedliche Relationen (zu Politik und Staat, Stadt und Land, dem Eigenen und dem Anderen) und Bedeutungsdimensionen räumlicher Spannungen erkennen. Rückwirkend auf die Theorie ist zu fragen, welchen Beitrag ein solches Nachzeichnen alltagspolitischer Bezüge und Gefühle zu einer Soziologie territorialer Ungleichheiten leisten kann.



Überlegungen zur Topologie des Lausitzer Kohleausstiegs

Susann Wagenknecht

Technische Universität Dresden, Deutschland

Die Land-Stadt-Dichotomie, so der CfP, wird schnell mobilisiert, wenn es um den Topos des „Auseinanderdriftens“ und „Abhängens“ geht. Das gilt auch im Falle der Lausitz – einer Region, deren Menschen droht, abgehängt zu werden (oder sich zumindest so zu fühlen). Schnell wird der Lausitz eine Ländlichkeit unterstellt, die ihre sozialräumliche Heterogenität nicht charakterisieren kann. Zudem wird sie zur Peripherie erklärt, ohne ihre immer noch beträchtliche energiepolitische Bedeutung noch ihre Nähe zur Metropole Berlin und ihre Lage im Herzen Mitteleuropas zu berücksichtigen. Mit dem (drohenden) Abgehängtsein der Lausitz muss es also etwas auf sich haben, das jenseits von Dichotomien wie Stadt/Land und Zentrum/Peripherie zu finden ist.

„Auseinanderdriften“ und „Abhängen“ implizieren Bewegung: Da wird Distanz geschaffen. In meinem Vortrag will ich die vielschichtigen Dynamiken der Distanzierung in einer Topologie der Valuation ausdeuten. Ich will die Soziologie der (Be-)Wertung heranziehen, um das räumliche Moment von Be-, Auf- und Abwertung zu diskutieren. Die Lausitz und die sich an ihr vollziehende Energiewende wird mir dabei als Fallbeispiel dienen. Ich werde auf erste eigene ethnografische Notizen zurückgreifen, um folgenden Beobachtungen nachzugehen:

1. Die Bewertung von Braunkohleverstromung ist eine Frage der Skalierung. Wer Braunkohle unterstützt, hebt vor allem ihre regionale, immer weniger ihre nationale Bedeutung hervor. (Wer sie hingegen ablehnt, verweist auf die Schäden, die Braunkohleverstromung vor Ort und global verursacht.) Die Bewertung von Braunkohleverstromung verbindet sich so mit einer spezifischen Topologie.

2. Die Regionalisierung der Lausitz erzeugt Distinktions- und Rechtfertigungsdruck. Distinktionsbemühungen schaffen Distanz; Rechtfertigung birgt immer auch das Risiko, an den eigenen Maßstäben – Größe, Effizienz, Verlässlichkeit, Fürsorge – zu scheitern.

3. Im Zuge des Kohleausstiegs werden in spezifischen Kollaborationsformaten alternative Maßstäbe und Skalierungen erprobt.



Rurale Perspektiven auf urbane Räume. Ortsbestimmung der Kirchen zwischen Stadt und Land im Spannungsverhältnis von Abgrenzung und Anpassung

Veronika Eufinger

Ruhr-Universität Bochum, Deutschland

Die Katholische und Evangelische Kirche Deutschlands stehen als religiöse Organisationen und Institutionen unter Spannung: Im Kontext gesellschaftlicher Um_Ordnungen, wie etwa der gewandelten Relation zwischen Individuum und übergeordneter sozialer Einheit, einem der Wege multipler Säkularitäten (vgl. Wohlrab-Sahr 2017), tritt eine ausgeprägte Stadt-Land Disparität zu Tage. Die Lokalisierung in urbanen Umwelten gilt der kirchlichen Innenperspektive als „Herausforderung“: Stadt wird, wie bereits 1893 bei Durkheim, zum Inbegriff der Moderne, die aus emischer Sicht der Kirchen mit Entkirchlichung und Bedeutungsverlust des Religiösen verbunden ist.

In der kirchlichen Wissensproduktion werden Stadt und Land als diametrale Pole konstruiert, die der Bestimmung von Identität durch Abgrenzung dienen: Als „Neuland“ das „unter den Pflug“ zu nehmen ist, ist Stadt in biblisch ruraler Metaphorik das fremde Gegenüber. „Citypastoral“ steht neben Gefängnis- und Flughafenseelsorge: die Innenstadt wird zum außeralltäglichen Ort. Der urbane Lebensstil verkörpert, in impliziter Anlehnung an Simmels Indifferenz des Stadtbewohners, Bindungslosigkeit, Oberflächlichkeit und marktförmige Beziehungen.

Mit Rückgriff auf Lefebvres Dreiheit der Raumproduktion wird untersucht, wie die kirchlichen Wissensbestände der urban/rural Differenz eine Ordnung von Stadt/Land konzipieren (representations de l’espace), welche die räumliche Praxis der sozialen Formationen prägt (pratique spatiale) und wie diese Relation in den Repräsentationsräumen der Bewohner Ausdruck findet (espaces de representation). Die Strukturierung von Zentrum und Peripherie stellt – religiös semantisiert – einen Anknüpfungspunkt für gesellschaftliche Debatten der Stadt-Land Disparität dar.

Die empirische Basis der vorliegenden Ergebnisse besteht aus Interviews, teilnehmender Beobachtung, Materialsammlung und Gebäudefotographien an 15 kirchlichen Orten in Deutschland (2015-19). In Anwendung einer Kombination aus Grounded Theory und Sequenzanalyse wurde eine Typologie der urban/rural Topologie in räumlichen Strategien entwickelt und ihre Sinnstrukturen rekonstruiert.



Narrative sozialer Abgrenzung. Frauen in der Landwirtschaft im Spannungsfeld zwischen Klimakrise und Existenzangst

Janna Luisa Pieper

Georg-August-Universität Göttingen, Deutschland

Das Europäische Parlament erklärte 2011 in seinem Bericht über die Rolle von Frauen in der Landwirtschaft und im ländlichen Raum, dass diese „einen wesentlichen Beitrag zum Fortschritt und zu Innovationen auf allen gesellschaftlichen Ebenen und zu einem Anstieg der Lebensqualität, insbesondere im ländlichen Raum [leisten]“.

Ländliche Räume sind allerdings auch jene Arenen, in denen die Konflikte um Ressourcennutzung, Klimaschutz und Artenvielfalt direkt ausgetragen werden. Das verdeutlichen Treckerdemos unzufriedener Landwirte ebenso, wie Proteste der Fridays for Future Bewegung, die in der konventionellen Landwirtschaft eine ihrer Adressatengruppen sieht.

Was bei diesen Demonstrationen aber auch deutlich wurde: Hauptsächlich Männer fuhren mit ihren Traktoren in die Großstädte, um gegen agrarpolitische Veränderungen zu protestieren.

Es stellt sich die Frage, wie die Frauen, die auf landwirtschaftlichen Betrieben leben, mit den sich rasant ändernden agrarpolitischen Rahmenbedingen umgehen. Wie reagieren sie auf die Forderungen der Gesellschaft nach Klimaschutz, Biodiversität und Tierwohl?

Im Rahmen der derzeit laufenden bundesweiten Studie zur Lebens- und Arbeitssituation von Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben konnten Erkenntnisse zur Beantwortung dieser Fragen gewonnen werden. Es wurden bislang 11 Gruppendiskussionen mit insgesamt 118 Teilnehmerinnen in ganz Deutschland veranstaltet und 10 narrative Interviews geführt.

Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen auf den Höfen sich intensiv mit den derzeitigen agrarpolitischen Entwicklungen auseinandersetzen. Die Konfrontation mit den gesellschaftlichen und politischen Forderungen führt allerdings bei dem Gros der befragten Frauen zu massiven Abwehrreaktionen

gegenüber den Forderungen nach Veränderungen in der Landwirtschaft. „Die Politik“, „die Gesellschaft“, „die NGO´s“ und „die Medien“ werden als existenzbedrohende Gegenpositionen aufgebaut. Die Abgrenzung zu diesen Institutionen und zu anderen sozialen Gruppen (auch z.B. Bio-Landwirt*innen, „Zugezogene“) bildet einen zentralen Gegenstand der Kommunikation befragter Frauen in den Gruppendiskussionen und Interviews. Dieser Beitrag analysiert die in der empirischen Untersuchung erhobenen, abgrenzenden Narrative und fragt nach Ursachen sowie Auswirkungen dieser Haltungen.



 
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