Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Ad Hoc152: Viren – Globale und lokale Nebenwirkungen
Zeit:
Freitag, 18.09.2020:
10:00 - 13:00

Chair der Sitzung: Annerose Böhrer, Friedrich-Alexander-Universität
Chair der Sitzung: Marie-Kristin Döbler, Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

„Auf Grund der aktuellen Lage“ – Soziologie aus dem Homeoffice

Marie-Kristin Döbler, Annerose Böhrer

Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Als sich Ende2019 die ersten Menschen in Wuhan mit Corona infizierten, noch nicht einmal, als erste Fälle in Deutschland registriert wurden, war abzusehen, welche Folgen für uns alle – als Alltagsmenschen und bspw. als Soziolog*innen – damit verbunden sein würden. Erst nach und nach wurde deutlich, dass die Aus- und Nebenwirkungen weit über die Infektion von Atemwegen hinaus gehen würden. Viral und pandemisch verbreitet haben sich – mit unterschiedlich starken Ausprägungen – v.a. Ungewissheiten. Eine wichtige Rolle spielen dabei insbesondere Unsicherheiten über Ansteckungswege, Reproduktionszahlen, Mortalitätsraten oder die ‚Richtigkeit‘ von Maßnahmen und Veränderungen in den Praktiken des Alltags.

Viren, so führt uns Corona nun eindrücklich vor Augen, manifestieren sich mitunter nicht nur in Form biopolitischer Notstände, sondern auch als potentielle Ursache für wirtschaftliche und soziale Krisen auf der Makro- und Mikroebene, sind darüber hinaus mit Routinebrüchen und einem teils körperlich zu erlebenden, praktisch wirksamen, konflikthaften Zusammentreffen unterschiedlicher Wissenssysteme verbunden. Die (wissenschaftliche) Logik der Wissensproduktion, Ungewissheit bzw. Vorläufigkeit von Wissen sowie dessen dynamischer Wandel treffen auf politische (Entscheidungs-)Operation und auf Gewissheiten bauende, als potenziell gefährdende und gefährdete Körper agierende ‚Alltagsmenschen‘, deren Ambivalenzen und Subversionen.

Während mit dem Virus assoziierte soziomaterielle Veränderungen von jedem von uns neues oder anderes Wissen zur Praxisbewältigung erfordern und gleichsam neue lebensweltliche Erfahrungen hervorbringen, wird zunehmend nicht nur virologisch-medizinische Expertise im Kontext von Corona relevant und auch öffentlich als wichtig wahrgenommen. So tauchen z.B. vermehrt Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen in der medialen Öffentlichkeit auf, die entsprechende Veränderungen in den unterschiedlichsten sozialen Zusammenhängen oder systemische Wechselwirkungen einzuordnen versuchen und dabei selbst als Forschende und potenziell infektiöse Körper mit den Herausforderungen des pandemischen Alltags konfrontiert sind.

Im Lichte des weiterhin hochgradig dynamischen Ausgangspunktes der Adhoc-Gruppe wollen wir – aus dem Homeoffice – (epistemische) Herausforderungen und Potenziale der derzeit vorranging als Krise wahrgenommenen Situation aufzeigen.



„Als wären wir Viren auf zwei Beinen“ – Das Abjekte in der Corona-Krise

Larissa Pfaller, Tobias Schramm, Nadja Morgenstern

FAU Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Viren überschreiten Grenzen. Sie dringen in Körper ein und Epidemien machen auch vor Ländergrenzen nicht halt. Eindrücklich hat dies zuletzt die SARS-CoV-2-Pandemie gezeigt. Solange es keine Medikamente gegen Covid-19 gibt, steht der Schutz dieser Grenzen im Mittelpunkt, um eine weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen. Es werden Masken getragen, Ausgangsperren verhängt und Mindestabstände für menschliche Begegnungen gesetzt. Nationale Grenzen werden geschlossen.

Mit dem Konzept der Abjektion liefert die Philosophin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva (1982) ein Konzept, kulturelle Grenzziehungen sowie deren Rolle bei der Subjektkonstitution zu verstehen. Das Abjekte stellt die soziale Ordnung in Frage, indem es die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt, Natur und Kultur, Gestaltbarem und Unverfügbarem bedroht und daher stets verworfen und radikal ausgeschlossen werden muss. Der Prozess des Verwerfens wird damit zu einer notwendigen kulturerhaltenden Sicherheitsmaßnahme, da es gerade dieser radikale Ausschluss des bedrohlichen Objektes aus der Welt des Subjekts und seiner Kultur ist, der es erst ermöglicht, sich als Subjekt und Kulturwesen zu konstituieren und aufrechtzuerhalten.

Der vorliegende Beitrag möchte eine kultursoziologische Analyse zum Verständnis der Corona-Krise liefern: Welche Grenzen werden durch das Virus bedroht? Wie werden diese Grenzen kulturell wieder eingehegt und inwiefern dienen sie zur Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung? Welchen normativen Gehalt entfaltet die Abjektion und welche Folgen ergeben sich für die Betroffenen? So hilft das Konzept des Abjekten zu verstehen, warum die Deutschen Klopapier hamsterten und warum die in Spanien gestrandeten Spieler des FC Wuhan angesehen wurden wie „Viren auf zwei Beinen“. Der Beitrag will dabei die Gefahr des Virus nicht relativieren, welches weltweit Krankheit und Tod verbreitet. Im Gegenteil: Er will zeigen, wie uns die Pandemie nicht nur physisch, sondern auch kulturell bedroht, indem das grenzüberschreitende Potential des Virus bis zu unserem innersten Kern als Subjekte vordringt und diesen in Frage stellt.

Kristeva, J., 1982: Powers of Horror: an Essay on Abjection. New York: Columbia University Press.

DFG-Projekt „Das Imaginäre an den Grenzen des Sozialen“



Der Tod und das Virus. Soziologische Betrachtungen eines »thanatopraktischen Ausnahmezustands«

Ekkehard Coenen

Bauhaus-Universität Weimar, Deutschland

Die Corona-Pandemie verdeutlicht, dass die Einstellung zum Tod ein zentrales gesellschaftliches Konstituens ist. Die globalen und lokalen Reaktionen auf das Virus zeigen, wie sehr sich unser Verhältnis zu den Phänomenen des Sterbens, Todes und Trauerns in die Gesellschaftsstrukturen eingeschrieben hat – und wie schnell unser Alltag auf den Kopf gestellt werden kann, wenn sich jene allzu modernen Vorstellungen, die wir über die Sterblichkeit des Menschen aufgebaut haben, als bloße Konstrukte herausstellen.

Ein Virus führt uns vor Augen, dass wir den Tod keineswegs domestiziert haben. Wir können versuchen, ihn aus dem Alltag zu verdrängen; wir können uns einreden, dass uns unsere medizinischen Systeme ein Leben bis ins hohe Alter ermöglichen werden; und wir können uns ausmalen, dass wir aktiv an der Umsetzung eines ›guten Sterbens‹ arbeiten und einen pietätvollen, ›postmodernden‹ Umgang mit den Toten umsetzen zu können. Durch die Corona-Pandemie wird uns aber die Illusion genommen, dass der Tod unter Kontrolle sei. Die Institutionen, kommunikativen Formen und die Wissensvorräte, die sich auf den Tod beziehen, werden destabilisiert. Der virusinduzierte Tod drängt sich uns in den Massenmedien auf; er kann auch bei bester medizinischer Versorgung jede Altersgruppe treffen; und er kann in einer derartigen Masse auftreten, dass es unmöglich scheint, den Sterbenden einen »good enough death« und den Hinterbliebenen eine würdevolle Bestattungspraxis zu ermöglichen.

Der Corona-Virus nimmt in der öffentlichen Debatte die diskursiven Züge eines gefährlichen, schwer zu analysierenden nicht-menschlichen Akteurs an. Er führe nicht zu einem ›natürlichen‹ Tod, wie eine Grippe. Stattdessen ›töte‹ er Menschen; quasi absichtsvoll, schwer zu durchschauen und ›unnatürlich‹. Der spätmoderne Mensch antwortet also auf die Kränkung, dass er den Tod doch nicht im Griff hat, mit Verrätselungen, Verschwörungstheorien und Animismus antwortet.

Todesbezogene Berichterstattungen, die während der Corona-Krise entstanden sind, werden in dem Vortrag herangezogen, um diesen ›thanatopraktischen Ausnahmezustand‹ als Kontrastfolie zu nutzen, durch die bisherige thanatosoziologische Theorien kritisch hinterfragt werden können. Abschließend wird diskutiert, welche Konsequenzen sich hieraus für die zukünftige Rolle der soziologischen Todesforschung innerhalb der Soziologie ergeben (können).



Epidemie, Pandemie, Infodemie – Zur Genese eines Risikodiskurses

Viola Dombrowski, Marc Hannappel, Oul Han, Lukas Schmelzeisen, Matthias Kullbach

Universität Koblenz-Landau, Deutschland

Am 31.12.2019 wird das Büro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Beijing über mehrere Fälle von Lungenentzündung ungeklärter Herkunft unterrichtet. Dies markiert den Beginn von dem, was innerhalb weniger Wochen zum weltweit dominierenden Thema avancieren sollte. Parallel zur Ausbreitung dieser neuartigen Krankheit – nun als COVID-19 bekannt – entwickelt sich auch die Lage an Erkenntnissen, Informationen aber auch Spekulationen darüber. Dieser Ausbruch, den die WHO mit dem 11. März als “Pandemie” einstuft und der nach Keller (2011) als Risikoereignis klassifiziert werden kann, wird von einem nahezu beispiellosen Medienspektakel (Kellner 2018) begleitet. Dies zeigt sich zum einen an der Entwicklung der Masse an Zeitungsartikeln (für die Onlineressorts von BILD, SZ und FAZ ab Mitte März mehr als 600 Stk. pro Tag) sowie in Relation zu anderen berichteten Themen (bspw. betreffen am 8. April 81 von 118 Artikeln in der FAZ online die Pandemie).

Auch in den sozialen Medien wird das neue Coronavirus – in wahrscheinlich präzedenzloser Vielfalt – zum zentralen Thema. Neben durchaus kreativen Tweets zum Umgang mit der Situation oder Handlungsempfehlungen öffentlicher Behörden, finden sich auch die für Twitter typischen, teils pseudowissenschaftlich, teils verschwörungstheoretisch argumentierenden Akteure. Letztere veranlassten die WHO sogar zur Gründung eines social network teams, welches Falschinformationen gezielt mittels evidenzbasierter Berichterstattung begegnet, nicht ohne die Aufmerksamkeit traditioneller Medien auf die Twitter-basierten Diskussionen zu lenken.

Unser Projekt verfolgt das Ziel (1) diese diffusen Reziprozitätsstrukturen zwischen traditionellen Medien (BILD, FAZ und SZ), sozialen Netzwerken (Twitter) und „Faktenproduzenten“ (WHO) zu systematisieren, (2) Mechanismen verschiedener Informationstransformationsprozesse aufzuzeigen und (3) zu prüfen, wie die verschiedenen Diskurse von dem „objektiv erfassbaren“ Verlauf der Pandemie beeinflusst werden und vor allem, welche Eigendynamiken sich entwickeln. Dazu führen wir eine qualitative und quantitative Auswertung der aktuell mehr als 15 000 Zeitungsartikel und 2 Millionen Tweets umfassenden Daten durch. Hierbei kombinieren wir Methoden des interpretativen Paradigmas, wie der Diskursanalyse mit automatisierten Erhebungs- und Auswertungsverfahren der Computational Social Science.



Gesellschaft als Risiko. Situationsanalysen zur Corona-Pandemie

Sarah Lenz1, Martina Hasenfratz1, Ruth Manstetten2

1Universität Hamburg, Deutschland; 2Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Nach dem Ausbruch von Covid-19 im Dezember 2019 in China befindet sich gut vier Monate später die ganze Welt im Ausnahmezustand. Obwohl sich diese Krise durch eine einzigartige Gleichzeitigkeit der Erfahrung auszeichnet, wird sie von Menschen unterschiedlich erlebt. Die individuelle Lebenslage, der Beruf, die Verfügbarkeit finanzieller Ressourcen oder die Klassenzugehörigkeit haben enorme Auswirkungen darauf, wie der derzeitige Ausnahmezustand wahrgenommen, erfahren und bearbeitet wird. Hinzu kommt, dass sich eine Neukonfiguration der gesellschaftlichen Arbeitsteilung einstellt, die sich entlang systemrelevanter Berufe und jener differenziert, die auch von zu Hause aus fortgeführt werden können. Aus soziologischer Perspektive um einen Moment, in dem nicht nur die fundamentalen Normen des Zusammenlebens und der sozialen Ordnung verdichtet zum Ausdruck kommen. Es handelt sich auch um einen Moment, der in einzigartiger Weise die Problemlagen und latenten Konflikte von Gesellschaften empirisch greifbar macht. Gleichzeitig ist das fundamentale Element menschlichen Zusammenlebens – das „in Gesellschaft sein“ zum Risiko geworden und stellt anerkannte Ordnungsprinzipien der Gesellschaft selbst vor ökonomische, politische und sozialstrukturelle Herausforderungen.

Vor diesem Hintergrund möchten wir auf der Basis narrativer Interviews der Frage nachgehen, wie Personen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und Berufsgruppen die Diskrepanz zwischen Normalität und Ausnahmezustand wahrnehmen, erfahren und bearbeiten. Hierbei steht insbesondere die Haltung zur Gesellschaft, zu den Mitmenschen und den staatlichen Institutionen im Vordergrund.

Konzeptionell adressieren wir die je spezifischen Situationen, in denen sich die Akteure befinden und fragen nach den spezifischen Herausforderungen, mit denen sich die unterschiedlichen Personen konfrontiert sehen. Diese variierenden Situationen unterscheiden sich aber auch nach der derzeitigen Position, die die Menschen in der sozialen Ordnung des Ausnahmezustandes einnehmen, etwa als „Fronthelfer_in“, „Heimarbeiter_in“ oder „Isolierte_r“. Über diese vielfältigen subjektiven Wahrnehmungen und Interpretationen des Ausnahmezustandes hinaus gibt unsere Analyse zudem Hinweise auf gesellschaftliche Spannungen und Konfliktlinien in Deutschland, die schon vor der Corona-Krise bestanden, nun aber womöglich in ein anderes Licht rücken.



 
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