Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Ad Hoc137: Infrastruktur und Normativität – ein Verhältnis unter Spannung
Zeit:
Mittwoch, 23.09.2020:
10:00 - 13:00

Chair der Sitzung: Gesa Lindemann, Carl von Ossietzky Universität
Chair der Sitzung: Jonas Barth, Carl von Ossietzky Universität
Chair der Sitzung: Katharina Block, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Chair der Sitzung: Johanna Fröhlich, Universität Oldenburg
Ort: digital
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Präsentationen

Infrastrukturen als soziale Ordnungsdienste

Eva Barlösius

Leibniz Universität Hannover, Deutschland

In welcher Weise Infrastrukturen als soziale Ordnungsdienste wirken, zeigt sich besonders, wenn sich das infrastrukturelle Regime wandelt. Infrastrukturen sind auf die Realisierung einer bestimmten sozial-räumlichen Ordnung ausgelegt und wirken so an der gesellschaftlichen Strukturierung mit. Auf welche sozial-räumliche Ordnung sie hinwirken, ergibt sich aus dem Regime der Infrastrukturen. Da Infrastrukturen an der Strukturierung der Gesellschaft mitwirken, eignen sich Analysen des infrastrukturellen Regimes zur soziologischen Gesellschaftsdiagnose, beispielsweise den Übergang von der wohlfahrtsstaatlichen Industriegesellschaft zur globalisierten Wissensgesellschaft. Denn anhand von Infrastrukturen lassen sich Eigenheiten wie auch Veränderungen sozial-räumlicher Ordnungen kenntlich machen. Hinzukommt, dass Infrastrukturen als Weichensteller für künftige gesellschaftliche Entwicklungen fungieren, weil sie auf Annahmen darüber basieren, was zukünftig erforderlich und möglich sein soll, wie auch darüber, was nicht passieren oder gestattet werden darf. Sie werden folglich mit der pragmatischen Absicht eingerichtet, Gestaltungschancen zukünftiger Gesellschaften im Voraus festzulegen. Für die Soziologie der Infrastrukturen folgt daraus, dass sie zu fragen hat, welche Einrichtungen und Arrangements a) jeweils gesellschaftlich als Infrastrukturen betrachtet und behandelt werden, b) welche zu Infrastrukturen erklärt und entsprechend in ein infrastrukturelles Regime eingebettet bzw. diesem unterworfen werden und c) welche den Status von Infrastrukturen einbüßen.

In meinem Vortrag werde ich mich auf die Infrastrukturierung von Forschung und Wissenschaft konzentrieren, die einen zentralen Aspekt des Wandels des infrastrukturellen Regimes hin zur Wissensgesellschaft repräsentiert. Dabei gehe ich unter anderem davon aus, dass digitale Wissens- und Forschungsinfrastrukturen eine ähnlich kanonische Bedeutung für das infrastrukturelle Regime besitzen, wie dies Telefonie, Elektrizität und Eisenbahnnetze für die wohlfahrtstaatliche Industriegesellschaft hatten. Um dies zu verdeutlichen, werde ich die Regulierungen von „open science“ als Ausdruck infrastrukturierter Forschung und Wissenschaft untersuchen und fragen, welche sozialen Ordnungsdienste hiermit der Forschung und Wissenschaft aufgebürdet werden.



Bei Strafe ihres Untergangs: Digitale Infrastrukturen als Spannungsverstärker zwischen Gesellschaftssimulation und Organisationserhalt

Jörg Pohle1, Martin Rost2

1Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft; 2Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein

Seit Jahrzehnten werden mit ungebrochener Intensität, wenn auch unter wechselnden Terminologien, gesellschaftliche Risiken aus der zunehmenden Durchdringung der Gesellschaft mit moderner vernetzter und automatisierter Datenerhebungs-, Speicherungs- und Auswertungstechnologien (vaDESAT) diskutiert. Welt und Gesellschaft werden im Computer „verdoppelt“, aber nicht als Kopie, sondern als Konstruktion – als Modelle, ob in Form von Daten, Programmen oder User Interfaces, die auf Vorannahmen und Vorentscheidungen basieren, auf Wahrheitsunterstellungen und Relevanzsetzungen, Definitionen von Optimalitätskriterien und Entscheidungen über die Problematisierung oder Nichtproblematisierung bestimmter Auswirkungen auf bestimmte Akteurïnnen. Sie sind grundsätzlich von den Interessen derjenigen geprägt, die die Modelle erzeugen, denn die Modellbildung unterliegt dabei der Modellierungshoheit der modellierenden Organisationen. Organisationen sind damit in der Lage, mit Rückgriff auf Technik Funktionssysteme zu simulieren, was nicht zum Scheitern von Gesellschaft führen muss, aber zur Regression von Sozialstruktur führen kann, von der funktionalen Differenzierung der Moderne wieder zur Stratifikation, denn im Computer wird gesellschaftliche Differenzierung nur insoweit und in der Form reproduziert, wie sie den Organisationsinteressen dienlich ist; sie wird weggelassen, wo sie aus Organsisationssicht ineffizient für die Erreichung der Organisationsziele ist oder diesen gar widerspricht. Während sich Verfassungsstaaten von Organisationen dadurch unterscheiden, dass sie sich selbst einhegen, indem sie Selbsteinhegung versprechen und normativ absichern, Verfahren zur Überprüfung der Einhaltung dieses Versprechens kreieren, Institutionen zur Durchsetzung der Selbsteinhegung schaffen und sich deren Entscheidungen unterwerfen, stehen Organisationen, die große digitale Infrastrukturen entwickeln und einsetzen, in denen Gesellschaft simuliert wird, so die zentrale These des Vortrags, vor der Wahl, entweder ihrer Funktionslogik zu folgen, dann können sie die gesellschaftlichen Kontingenzquellen nur als berechenbare „Abziehbilder“ in Modellform umsetzen, oder, wenn sie jedoch die Kontingenzen zulassen, den Weg der Staaten zu gehen, ihre eigene Funktionslogik zu unterminieren und ihre eigenen Organisationsgrenzen zu sprengen.



Verteilte Zurechenbarkeit. Normative Arbeit im Störungsmanagement des öffentlichen Verkehrs

Tobias Röhl

Universität Siegen, Deutschland

Der Öffentliche Verkehr ist in zweifacher Hinsicht durch ein verteiltes Verhältnis von Infrastrukturen und Normativität gekennzeichnet. Zum einen ist die Komplexität der »großen Maschine« (Schivelbusch) zu nennen: Eisenbahnen, Straßenbahnen und Busse sind Teil eines infrastrukturellen Netzwerks, dessen Betrieb einen hohen Grad an organisationaler Arbeitsteilung mit unterschiedlichen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten erfordert. Zum anderen ist die ›klassische‹ Verkehrsinfrastruktur aus Fahrwegen und Fahrzeugen mittlerweile mit einer digitalen Dateninfrastruktur verwoben, die vormals getrennt operierende Akteure stärker miteinander vernetzt und dadurch auch normativ in Beziehung setzt. Beides hat zur Folge, dass normative Fragen nach Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten nicht klar einzelnen Akteuren zugerechnet werden können, sondern als verteilte Phänomene zu verstehen sind. Nirgends wird dies deutlicher als im Störungsfall. Kommt ein Zug verspätet oder fällt gar aus, setzt dies eine Reihe von Akteuren innerhalb und außerhalb der Verkehrsbetriebe in Gang, die an der Frage normativer Zurechenbarkeit arbeiten und in Konflikt miteinander geraten. Insbesondere digitale Medien verschieben dies. Fahrgäste sind über Apps und Plattformen in Echtzeit an organisationalen Störungsmeldungen beteiligt, zugleich erwarten Verkehrsbetriebe zunehmend deren Eigenverantwortung und beziehen sie so als normativ adressierbare Größe ins Störungsmanagement ein. Infrastrukturen sind demnach weniger als verkörperte Normen denn als Ressourcen „normativer Arbeit“ (Lynch, Ziewitz) zu verstehen: An ihnen entzünden sich Kontroversen und sie sind Substrat normativer Praxis. Sozialtheoretisch bringt der Beitrag ethnomethodologische und organisationssoziologische Studien zum Begriff der »accountability« mit französischem Neopragmatismus und pragmatistischer Techniksoziologie zusammen, um Zurechenbarkeit als verteiltes Geschehen begreifbar zu machen. Kritik am Öffentlichen Verkehr als gesellschaftlicher Institution hat es unter verteilten Bedingungen besonders schwer, da sich eindeutige Adressaten kaum ausmachen lassen.



Die Infrastruktur der modernen Verfahrensordnung der Gewalt

Gesa Lindemann

Carl von Ossietzky Universität, Deutschland

Theorien, die gehaltvolle Aussagen über die Struktur einer Gesellschaft enthalten, enthalten wenig gehaltvolle Aussagen über Infrastruktur bzw. Technik – und umgekehrt. Exemplarisch sei die LuLa-Kombination genannt. Luhmann macht eine gehaltvolle Aussage über die Struktur der modernen Gesellschaft: sie ist funktional differenziert. Der Bezug auf Technik ist dabei mehr oder weniger irrelevant, vielleicht abgesehen von der Bedeutung von Verbreitungsmedien für die Medienevolution. Latour hingegen macht Aussagen über die Struktur von Mensch-Technik-Verhältnissen und die sich daraus ergebenden Existenzweisen. Aber er macht keine gehaltvolle Aussage über die Struktur von Vergesellschaftung, die es erlauben würde, etwa moderne Gesellschaften von anderen abzugrenzen. Eine Ausnahme bildet die marxistischen These über das spannungsvolle Verhältnis von Produktivkräften bzw. wissensbasierter Technik und Produktionsverhältnissen. Diese These ist allerdings untrennbar mit der Arbeitswerttheorie verbunden, die berechtigterweises in die Kritik geraten ist. Es bedarf also einer gesellschaftstheoretischen Perspektive, die zwar das Niveau der Marxschen Theorie hält, ohne sich in die darin enthaltenen Probleme zu verstricken. Ich stelle dazu eine nahezu vollständig verdrängte Einsicht in den Vordergrund. Die Struktur einer Gesellschaft ist zentral bestimmt durch ihre Verfahrensordnung der Gewalt, diese bildet die Bedingung ihrer Differenzierungsform. Der Vortrag skizziert zunächst die moderne Verfahrensordnung der Gewalt und die in ihr konkurrierenden, aber weniger legitimen Verfahrensordnungen. Im zweiten Schritt wird die materielle Infrastruktur, d.h. die Kommunikations-, Versorgungs- und Mobilitätsnetze, beschrieben. Diese bilden die sachlich-technischen Voraussetzungen für die Formen kontrollierter Freiheit der staatsunmittelbar geborenen menschlichen Körperindividuen. Die moderne Verfahrensordnung der Gewalt hätte sich ohne diese technischen Möglichkeiten nicht entwickeln können und diese Technik konnte sich so nur im Rahmen der modernen Verfahrensordnung der Gewalt entwickeln.



 
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