Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
SekFuG1: Sektion Frauen- und Geschlechterforschung: Umweltkatastrophen, Solidaritäten und "Science Fiction". Feministische Analysen von Ökologien und Naturverhältnissen
Zeit:
Freitag, 18.09.2020:
10:00 - 13:00

Chair der Sitzung: Katharina Liebsch, Helmut Schmidt Universität Hamburg
Chair der Sitzung: Lisa Mense, Universität Duisburg-Essen
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Unschuldiges Fleisch – Unschuldige Subjekte? Überlegungen zur Verweltlichungspraxis der Biotechnologie »Clean Meat«

Sandra Matthäus

Technische Universität Chemnitz, Deutschland

Gegenstand des Vortrages stellt die Verweltlichungspraxis der Biotechnologie »Clean Meat« dar, welche im Rahmen des Forschungsprojektes »Disruptive Technologien. Eine soziologische Studie zur Neuvermessung der Gesellschaft durch Clean Meat, Social Freezing und Digitale Assistenten« an der TU Chemnitz untersucht wird. »Clean Meat« bezeichnet dabei eine sich noch im Entwicklungsstadium befindende Technologie, die auf einer Biopsie tierischer Muskelstammzellen beruht, welche in einer Nährflüssigkeit unter Laborbedingungen kultiviert und in Bioreaktoren zu Fleischprodukten wie Steaks, Hackbällchen, Burgerpatties etc. herangezüchtet werden. Derart werde laut Hersteller*innen, wie etwa auch dem einzigen deutschen Unternehmen »Innocent Meat«, Fleischgenuss ohne schlechtes Gewissen, d.h. ohne tierisches Leid und mit einer radikal geringeren Umweltbelastung möglich, so dass ein entscheidender Beitrag zur Lösung der Klimakrise in greifbare Nähe gerückt sei. Die Privatwirtschaft investiert so seit Jahren Milliardenbeträge in die Weiterentwicklung des technischen Verfahrens.

Das Forschungsprojekt fragt in diesem Zusammenhang unter Nutzung von Ansätzen der Environmental Humanities sowie der feministischen wie postkolonialen Wissenschaftsforschung und mittels eines diskursanalytisch-ethnografischen Forschungsdesigns nach den Selbst- und Weltverhältnissen, die diese Biotechnologie hervorbringt, reproduziert oder transformiert, womit die multiplen und differenten Beziehungen zwischen menschlichen, nicht-menschlichen und mehr-als-menschlichen Entitäten und die damit einhergehenden verleibkörperlichten, also materialisierten und essentialisierten Subjekt- und Objekt-ivität-en sowie die Grenzziehung/en zwischen Kultur/en und Natur/en gemeint sind.

Im Mittelpunkt des Vortrages wird dabei die Frage stehen, was es ist, was wir mit »Clean Meat« essen. Vor dem Hintergrund der Überlegungen Donna Harraways, Annemarie Mols und Marilyn Stratherns zur symbolisch-materiellen und v.a. relationalen Natur von Essen wird die These diskutiert, dass es womöglich unser eigenes westliches, naturbeherrschendes, wissenschaftlich-technisches Genie und somit auch der Glaube an unschuldige Wissens- und Lebenspraktiken ist, die wir mittels des »unschulidges Fleisches« essen, so dass wir letztlich nicht nur uns selbst, sondern auch jene verschlingen, die wir vorgeben mit dieser Technologie zu retten.



Caring with Nature: Die Bedeutung „Relationaler Subjektivität“ zur Bewältigung der sozial-ökologischen Krise

Christine Katz, Daniela Gottschlich

diversu e.V., Deutschland

Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist, dass für die zukunftsverträgliche Neubestimmung von Mensch/Gesellschaft-Natur-Beziehungen eine Reformulierung des Subjektkonzepts und eine radikale Ausrichtung auf Caring als politisch-ökologische Praxis notwendig ist.

Wir plädieren in Anlehnung an Braidottis (2013) Ansatz der ontologischen Relationalität für eine Neuausrichtung des Subjektbegriffs, der mit dem Wissen um die Verletzlichkeit aller Daseinsformen und -zustände die verschiedenen Formen des Angewiesenseins berücksichtigt, sie aber gleichzeitig als „eingebettet in und strukturiert durch gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse betrachtet“ (Conradi 2016, S. 85).

Ontologische Relationalität, die Caring eine wesentliche Rolle bei der Ausgestaltung der Transformation zuweist, spielt nicht nur in Mensch-Mensch-Beziehungen, sondern auch in Mensch/Gesellschaft-Natur-Beziehungen eine Rolle.

Was ein solches Caring-with-Nature bedeutet, werden wir in unserem Vortrag am Beispiel des prozessorientiertes Ansatzes der ökologischen Waldwirtschaft, die Natur als mitgestaltenden Akteur begreift, darstellen. Caring meint hier, für Bedingungen zu sorgen, Verhältnisse zu schaffen bzw. zu erhalten, die es ermöglichen, dass auch bestimmte nichtmenschliche Bereiche sich selber überlassen bleiben und sich ohne Einmischung und Steuerung von außen entwickeln können.

Wir werden bei unserer Vorstellung von gendertheoretischen Reformulierung von Begriffen und Konzepten für eine relationale Subjektivität im Rahmen von Caring with Natures auch auf Fallstricke und offene Fragen eingehen und auf die sich daraus ergebenden Konsequenzen für eine transformative Politik.

Braidotti, R. (2013): The Posthuman, Cambridge.Spivak, G. C. (1988): In Other Worlds. Essays in Cultural Politics, New York.Biesecker/ Hofmeister

Conradi, E. (2016): Die Ethik der Achtsamkeit zwischen Philosophie und Gesellschaftstheorie, in: Conradi, E.; Vosman, F. (Hrsg.): Praxis der Achtsamkeit. Schlüsselbegriffe der Care-Ethik, Frankfurt a. M., S. 53–86.



„We could be Heroines, just for one day?“ – Krisen-Heldinnen als Prototypus einer neuen Sozialfigur

Julia Wustmann, Angelika Poferl

Technische Universität Dortmund, Deutschland

Seitdem SARS-CoV-2 medial, politisch und alltagsweltlich dominiert, erfährt auch die Debatte um den Klimawandel einen Aufwind eigener Art. Eine Protestbewegung, die sich bereits prae-corona der Klima-Krise widmet, ist Fridays For Future. Ein auffallendes Phänomen dieser Bewegung besteht darin, dass es in jedem Land, in dem sie präsent ist, eine Frontline-Person gibt und dass diese in der Regel eine weiblich gelesene Person ist. Der Vortrag setzt am Phänomen der female frontliners an und fragt danach, wieso und in welcher Weise sich dieses Phänomen im Kontext der Klimabewegung gegenwärtig durchsetzt und welche symbolischen und materialen Rahmungen damit verbunden sind.

Den empirischen Ausgangspunkt bilden Darstellungen von female frontlinern, die diese in demonstrativer Typik als ‚Heilige‘ illustrieren. Eine derartige Sakralisierung verweist, so die erste These, auf die symbolische Unverfügbarkeit der female frontliner, also darauf, dass ihre Positionierung, ihr Denken und Handeln nicht angetastet werden dürfen und dass sie dem profanisierenden Zugriff und der Infragestellung entzogen sind. Allerdings zirkulieren die Darstellungen auch in klimawandel-skeptischen Kontexten. Hier gerät, so die zweite These, die sakralisierende Rahmung umgekehrt zur Demonstration eines nur vermeintlich Unverfügbaren, die im gezielten Tabu-Bruch zur ‚Entblößung‘ und ‚Entweihung‘ auffordert. Theoretisch interpretieren wir dies als einen Ausdruck multipler Relevanzhorizonte, die im Kontext einer reflexiv gewordenen Moderne prinzipiell durchlässig sind.

Aufgrund dieser hypermedialen Dynamik gehen wir, so die dritte These, davon aus, dass die De-/Sakralisierung der female frontliners einen Teilaspekt eines übergeordneten Heroisierungsprozesses darstellt und eine neue Sozialfigur entsteht: die Krisen-Heldin. Diesen neue Denk- und Handlungsspielraum verstehen wir wiederum als Ergebnis einer Kosmopolitik des Sozialen. Der Begriff zielt auf die Re-Figuration der Außen- und der Binnengrenzen des Sozialen, die hier als Zusammenspiel von ökologischer Krise & Engagement, De-/Sakralisierung sowie Heroisierung in Erscheinung tritt. Solche Entwicklungen lösen Gefüge der Hoch- und Spätmoderne in ihren strukturellen Beschränkungen von innen her auf. Darin zeigen sich Bewegungen reflexiver Modernisierung, die an den Grundpfeilern der mit der klassischen Moderne entstandenen Ordnungen rütteln.



„Making Kin Not Population“? Feministische spekulative Fabulation und die Frage der Bevölkerung im Anthropozän

Josef Barla

Goethe-Universität Frankfurt am Main, Deutschland

Vor dem Hintergrund des sechsten großen Artensterbens und multipler ineinander verschränkter planetarer Katastrophen rücken alte und neue Fragen von Bevölkerung ins Zentrum politischer Diskurse. Während feministische Interventionen ‚Population‘ als biopolitisches Werkzeug begriffen und die Kritik am Konzept der Bevölkerung bzw. die Forderungen nach einer Reduktion dieser als zutiefst verwurzelt in rassistischen und kolonialen Imaginationen verorteten haben, werden zunehmend Stimmen laut, die betonen, dass ‚wir‘ es ‚uns‘ im Anthropozän nicht mehr leisten könnten, die Frage der Bevölkerung auszuklammern. Über eine kritische Auseinandersetzung mit dem Ruf nach einer feministischen Aneignung der Frage der Bevölkerung, wird der Vortrag erschließen, inwieweit die ökologische Mobilisierung der Frage der Bevölkerung tatsächlich eine überzeugende Antwort auf das Anthropozän sein kann. Hierfür wird Haraway diffraktiv durch Haraway gelesen werden, ist es doch sie, die stets betont hat, dass es von Gewicht ist, welche Erzählungen Erzählungen erzählen. Dabei wird argumentiert werden, dass Haraway den Einwand zu voreilig beiseite wischt, dass ihre Figur des Chthuluzäns und das Konzept der Bevölkerung nicht so ohne Weiteres von rassistischen Imaginationen, kolonialistischer Gewalt und biopolitischen Praktiken des Zählens und Verwaltens von Leben und Sterben entkoppelt werden können. Zugleich soll Haraway auch gegen eine verkürzte Kritik verteidigt werden, die ihr einen misanthropischen Populationismus und die Abkehr vom Materialismus zugunsten eines unkritischen Idealismus vorhält. In Auseinandersetzung mit der Verschränkung von Bevölkerung, Verwandtschaft und Auslöschung im Anthropozän soll schließlich der Beitrag feministischer spekulativer Fabulation als Ressource für widerständige Praktiken des Weltens besprochen werden. Weit entfernt von einem unkritischen Idealismus, der Denken zur alleinigen Grundlage von Erfahrung erklärt und dabei die dynamische Eigensinnigkeit und Materialität der Welt untergräbt, wird für ein Verständnis von spekulativer Fabulation als eine materielle Praxis des Inbeziehungtretens und des Antwortens mit der Welt als Teil dieser plädiert. Als solche, wendet sich spekulative Fabulation nicht nur gegen die Praxis des Berechnens, sondern verkompliziert auch die Frage einer Politik des Antwortens im Anthropozän.



Kontamination, Kollaboration, Chthulucene – Nausicaä aus dem Tal der Winde

Susanne Völker1, Stephan Trinkaus2

1Universität zu Köln, Deutschland; 2Universität Bayreuth, Deutschland

Der Film 'Nausicaä aus dem Tal der Winde' des japanischen Zeichners und Regisseurs Hayao Miyazaki aus dem Jahr 1984 erzählt von einer Welt nach der Katastrophe, von giftigen Wäldern und traumatisierten, riesigen Insekten und einer Kindprinzessin*, die in einem Tal aufwächst, das durch günstige Winde von den giftigen Sporen der Pilze des Meers der Fäulnis, das sich über die gesamte Erdoberfläche auszubreiten droht, bisher verschont geblieben ist. Nausicaä ist so etwas wie ein Medium, eine Schamanin*, aber sie* übermittelt keine Botschaften, sondern ermöglicht Beziehungen, moduliert Affekte. Handeln ist bei ihr* immer eine Form des mit-anderen-seins oder mit-anderen-werdens. Sie* arbeitet daran, die Möglichkeit einer anderen Welt, die Möglichkeit anderer Beziehungen der Welt zu sich selbst, hervorzubringen. Es geht also nicht um Schutz und Unverletzbarkeit, sondern eher darum, verletzbar zu werden. Sie beginnt Teil einer Geschichte zu werden, in der sie, in der wir und in der diejenigen vorkommen können, mit denen wir diese versehrte Welt teilen.

Aus interdisziplinärer und nicht nur soziologischer und medienwissenschaftlicher Perspektive möchten wir die aktuelle Situation und die spekulative Fabulation ‚Nausicaä‘ wechselseitig durcheinander hindurchlesen: was tragen die Kontaminationen und Kollaborationen des Anime zu unseren Künsten des Lebens und Sterbens auf diesem beschädigten Planeten bei? Welche Geschichte erzählt Nausicaä in ‚unserer‘ Gegenwart – welche Rhizome lassen sich heute mit Nauscaä bilden und welche Politiken versuchen ihre Heterogenität zu beherrschen?

Um welche Leben geht es, um wessen Sterben, um wessen Unsichtbarkeit – in der Fabulation wie in der Gegenwart (der Pandemie)? Wessen Kollaborationen (geopolitisch, sozial, ökonomisch, religiös, dis/abled, sexuell, geschlechtlich, altersbezogen) werden von wem angerufen?



 
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