Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Tagung.
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Sitzungsübersicht
Session
Plenum7: Plenum 7 - Digital Lives
Zeit:
Donnerstag, 27.09.2018:
9:00 - 12:00

Chair der Sitzung: Sabine Pfeiffer
Chair der Sitzung: Udo Göttlich
Lokale Ansprechperson: Nicole Mayer-Ahuja
Ort: ZHG 009
Sitzplätze: 372 Weitere Informationen finden unter folgenden webadressen: Ausstattung: https://ecampus.uni-goettingen.de/sb/rds?state=verpublish&status=init&vmfile=no&moduleCall=webInfo&publishConfFile=webInfoRaum&publishSubDir=raum&keep=y&raum.rgid=813 Barrierefreiheit: https://www.uni-goettingen.de/de/raumglossar/474082.html#ZHG:%20Zentrales%20H%C3%B6rsaalgeb%C3%A4ude

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Präsentationen

Drinnen oder Draußen? Zur Heterogenität von Digital Lives

Michaela Pfadenhauer, Tilo Grenz

Universität Wien, Österreich

Im Vortrag argumentieren wir anhand empirischer Befunde aus einem im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms „Mediatisierte Welten“ geförderten Forschungsprojekts gegen die Homogenität digitaler Leben. Wir belegen, dass „De-Mediatisierung“ (die gezielte Begrenzung der medientechnisch induzierten Entgrenzung) zu einem Grundmotiv rezenter Mediennutzung geworden ist. Tendenzen der De-Mediatisierung zeigen, dass die Mediatisierung aller Lebensvollzüge kein ungebrochener und linearer Prozess ist. Andererseits ist De-Mediatisierung nicht einfach ein Gegenprozess gegen den Fortschritt, sondern ein ‚parasitär‘ mit Mediatisierung verwobenes Geflecht aus sowohl individuellen Vorbehalten und Gegenentscheidungen als auch nicht-intendierten Nebenfolgen.

Homogenität (Tendenzen der Vereinheitlichung) erwachsen wesentlich aus dem, was als „Plattform-Kapitalismus“ verhandelt wird. Wir charakterisieren Plattformen als eigenständige soziomateriale Ebene, auf der individuelle Handlungsvollzüge und strukturelle Nebenfolgeneffekte vermittelt werden. Unsere Befunde zu Betreiberaktivitäten fokussieren Plattform-Hintergrundvorgänge: Plattform-Medien formatieren konsensuelle Vorstellungen von ‚Welt‘ und sind mit Lucy Suchman „soziomaterielle Konfigurationen“ und „imaginaries“. Als interessenplurale „Daten-Assemblagen“ laufen hier zugleich Alternativvorstellungen über „digitale Leben“ ein, die auf plattform-ökonomische Vereinheitlichungen treffen. Dieses Pendeln zwischen Öffnung und Schließung wird im Vortrag an zwei Fällen – „Ephemeral Messenger“ und „Blocking Apps“ – illustriert. „Digital Lives“ differenzieren sich in ungleichzeitig verschränkten Prozessen der Ent- und Begrenzung. Wir stellen damit eine Vermittlung von ‚Kommunikativierung‘ und ‚tiefgreifender Mediatisierung‘ in Aussicht.

Dabei greift es zu kurz, Plattformen zu grenzüberschreitenden und globalen Agencies zu hypostasieren. Nicht überall auf der Welt ist die gleiche Infrastruktur gegeben. Zudem führen nationale und wirtschaftsraumbezogene Gesetzgebungen und infrastrukturelle Maßnahmen zu unterschiedlichen Ausgestaltungen der Medienangebote und -formate. Dies zeigt sich z.B. bei jüngeren Festlegungen, die sich gegen die Geltung außereuropäischen Rechts bei Apps wie WhatsApp richten. Dies bricht wiederum die Vereinheitlichungstendenzen, die daraus erwachsen, dass unsere „digitalen Leben“ durch Plattformen vermittelte sind.


Die Expansion digitaler Märkte und die dunklen Seiten von Reputationssystemen

Andreas Diekmann

ETH Zürich, Schweiz

Digitale Reputationssysteme

Bewertungen tragen entscheidend dazu bei, dass Milliarden von Transaktionen relativ reibungslos auf digitalen Märkten abgewickelt werden; selbst auf illegalen Märkten im so genannten Darknet. Ohne Reputationssystem würden digitale Märkte, auf denen anonyme Akteure weltweit Handel treiben, am Vertrauensproblem scheitern. Entsprechend haben sich Reputationssysteme auf digitalen Märkten, aber ebenso bei der Bewertung von Dienstleistungen, Hotels, Mitfahrzentralen, usw. rasant verbreitet.

Die Verbreitung digitaler Reputationssysteme

Vielleicht ist der Begriff „Reputationsgesellschaft“ eine Übertreibung, doch macht er zugleich deutlich, dass immer mehr Ecken und Winkel der Gesellschaft von Reputationssystemen erfasst werden. Im Wissenschaftsbereich berechnen Google Scholar, Repec, Research Gate, Academia u.a. Zitationswerte, h-Index und andere Kennziffern, die über Karrieren von Wissenschaftlern mit entscheiden. Private Firmen mit ihren digitalen Archiven und oftmals intransparent konstruierten Reputationsscores haben heute Einfluss auf die Karrierewege in den wissenschaftlichen Institutionen.

Die dunkle Seite digitaler Reputationssysteme

Reputation beruht immer auf Wahrnehmung und Wahrnehmung kann täuschen. Insbesondere aber kann Reputation inszeniert werden. Nicht nur erschwindelter Aufbau von Reputation ist ein Problem, sondern auch das Gegenteil: die Zerstörung von Reputation. Ein zentrales Problem von Reputationssystemen ist mithin die Zuverlässigkeit der Informationen.

Auch im „Darknet“ liefern Bewertungen von Transaktionen, wie bei eBay, Informationen über „ehrliche“ Händler auf illegalen Märkten. (Das Darknet verhilft aber auch Bürgerrechtlern und Journalisten in diktatorischen Regimen zu freier Kommunikation.) Die Analyse von Daten illegaler Märkte ist für die Erklärung der dezentralen Entstehung sozialer Kooperation von großem Interesse. Denn es gibt kein Rechtssystem, kein Gericht, dass im Falle des Falles bei einem Betrug angerufen werden könnte.

In meinem Vortrag werden Forschungen über Reputationssysteme auf Basis großer Datenmengen vorgestellt und die Risiken thematisiert, aber auch die Chancen zur Mobilisierung von Gegenkräften. In einer „asymmetrischen Gesellschaft“ (James Coleman) ist es allerdings keine einfache Aufgabe, die Herrschaft der digitalen Konzerne und staatlicher Behörden über die Daten zu begrenzen.


Songdo: Raumkonstitution in digitalisierten Lebensräumen

Martina Löw

TU Berlin, Deutschland

Während im globalen Süden hunderte von Smart Cities angekündigt sind oder sich in der Planung befinden, ist einzig das südkoreanische Songdo bereits als umfassend digitalisierte Stadt realisiert worden. Ziel des Vortrags ist es, erste Ergebnisse des DFG-Projektes „Smart Cities: Alltagshandeln in digitalisierten Lebensräumen“ im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 1265 „Re-Figuration von Räumen“ vorzustellen. Im Zentrum steht die Frage, welche Formen und Prozesse alltäglicher Raumkonstitution und ihrer Re-Figuration unter Bedingungen der gerade erfolgenden gezielten Veränderung der Kommunikation durch neuste technische Medien in Smart Cities zu beobachten sind. D.h. die Frage des Plenums nach dem Einfluss von Digitalisierung auf Arbeits- und Lebensverhältnisse wird am Beispiel der Raumkonstitution diskutiert. Wir fragen, wie sich die Raumkonstitution von Akteuren verändert, wenn die Bedingungen der Raumkonstitution durch umfassende Smartifizierung bestimmt sind.

Die Hypothese ist, dass Räume polykontexturaler werden. Polykontexturalität meint die simultane Entfaltung, Überlagerung, Verschachtelung, Relationierung, Diskursivierung und Begrenzung von Räumen im gesellschaftlichen Handeln, in Institutionen sowie in den subjektiven Raumvorstellungen. Räume gewinnen beschleunigt und verstärkt ihre sinnhafte Figur, so unsere Annahme, durch gleichzeitige Bezüge auf verschiedene Felder oder Regelwerke (z.B. öffentlich/privat) sowie auch auf verschiedenen räumlichen Skalierungen der Gesellschaft. Polykontexturalität bedeutet, dass die Kontexte des Handelns nicht mehr auf die drei „klassischen“ Kontextebenen (unmittelbar, mittelbar oder gesellschaftlich) aufgeteilt werden können, sondern sich unterschiedliche, aber gekoppelte Raumlogiken und Raumbedeutungen entwickeln.

Wir wissen seit langem, dass wir in einer Gesellschaft leben, die fast alle Prozesse versucht systematisch zu beschleunigen. Komplementär zur Beschleunigung der Abläufe des Handelns entwickelt sich, so möchten wir zeigen, eine Polykontexturalität räumlicher Praktiken, d.h. der Zwang zur Herstellung von Räumen unterschiedlicher Reichweite in fast jeder Handlungssituation.

Der Vortrag basiert insbesondere auf folgenden Daten: (1) Ortserkundungen, (2) Analyse der Planungsdokumente sowie der erfolgenden Umsetzung, (3) Experteninterviews.


Digitalisierung @ zivilgesellschaftliche Gegenmächte. Erwartungen und Empirie in der Organisation von Gesellschaftskorrektur

Marc Mölders2, Jan-Felix Schrape1

1Universität Stuttgart, Deutschland; 2Universität Bielefeld, Deutschland

Was bedeutet die Digitalisierung für die Praxis gesellschaftlicher Korrektive? Apologeten wie Manuel Castells sehen darin eine wichtige Ergänzung zivilgesellschaftlicher Instrumente durch neue Partizipations- und Koordinationspotentiale. Kritiker wie Hartmut Rosa bescheinigen der Digitalisierung hingegen, die Kurzfristigkeit des Politischen in erneut kürzere Kontingente einzulassen und so die Bearbeitung gesellschaftlicher Großprobleme eher zu erschweren.

Unser Vortrag verfolgt demgegenüber entlang empirischer Fallskizzen die Frage, welche Probleme zivilgesellschaftliche Gegenmächte gegenwärtig durch den Einsatz digitaler Infrastrukturen überwinden bzw. neu erfahren. Wir orientieren uns an den Sinndimensionen des Zeitlichen, Sachlichen und Sozialen (Niklas Luhmann) und beziehen zudem räumliche Faktoren mit ein:

(1) Die Formations- und Verfallsprozesse aktueller Protestdynamiken (z.B. #MeToo) führen vor Augen, dass die Onlinetechnologien zwar die situative Mobilisierung beschleunigen, aber die für langfristig aktive Bewegungen essentiellen Prozesse sozialer Institutionalisierung keineswegs überbrücken können. Zugleich zeigt sich, dass sich der Aufwand in der Herstellung öffentlichkeitswirksamer Impulse nicht verringert, sondern angesichts der erhöhten Auftrittsfrequenz potentiell sichtbarer Eingaben deutlich erhöht.

(2) Der investigative Datenjournalismus (z.B. Paradise Papers) setzt auf eine zeitliche Entzerrung seiner Publikationsaktivitäten. Die initial an den Datenjournalismus gerichteten Erwartungen entsprachen dabei dem allgemeinen Digitalisierungsoptimismus: Eine Hoffnung lag in quantitativer Faktizität; derweil müssen raumübergreifend für anschlussfähig gehaltene Visualisierungen zunächst Aufmerksamkeit binden, bevor über Überzeugung nachgedacht werden kann. Ein neuer Bürgerjournalismus sollte klassische Rollenverteilungen aufbrechen; empirisch zeigt sich, wie mühevoll jedes Mitmachen organisiert werden will. Wer von einer transnationalen Vierten Gewalt ausging, erkennt, dass lokale Grenzziehungen praktisch maßgeblich sind.

Für zivilgesellschaftliche Gegenmächte ist heute eine gesteigerte Notwendigkeit für die Organisation von Persistenz zu konstatieren. In Fällen erfolgreicher Gesellschaftskorrektur lässt sich in diesem Sinne ein planvoller Umgang mit den ambivalenten Effekten der Digitalisierung in den betrachteten Sinndimensionen feststellen.


Die solutionistische Ethik, Techno-Religiösität und der neue Geist des digitalen Kapitalismus

Oliver Nachtwey

Universität Basel, Schweiz

Die Digitalisierung verwandelt nicht nur die Ökonomie, sondern gleichermaßen auch die Lebensführung und ihre normativen Grundlagen weit über die technologischen Aspekte hinaus. Sie ist ein Ideologisch-Imaginäres eines sich erneuernden Kapitalismus, ein Geist des Kapitalismus.

Mit der Digitalisierung ist – so die Hauptthese des Vortrages – ein neuer, poly-theistischer Geist des Kapitalismus entstanden, der im Silicon Valley geboren wurde. Dieser Geist ist ein transnationales Phänomen, das die digitale Transformation von Wirtschaft und Lebensführung antreibt und sich lokal auswirkt.

Im Vortrag werden zunächst unterschiedlichen konzeptionelle Quellen zum Geist des Kapitalismus soziologiegeschichtlich und vergleichend rekonstruiert, um an-schließend an zentralen Phänomen, Deutungen und Semantiken, die in der digitalen Ökonomie prominent vertreten werden, Elemente eines Geistes des digitalen Kapitalismus herauszuarbeiten. Dabei wird auch gezeigt, dass die von Weber sowie Boltanski und Chiapello entwickelten Perspektiven einen komplementären Beitrag zum Verständnis des digitalen Geistes leisten können.

Der digitale Geist beruht auf einer Ethik der Solution, die die Welt zu verbessern vorgibt und eine metrische Lebensführung untermauert. Technologien wie Künstliche Intelligenz sind in diesem Geist nicht nur Hilfsmittel, sondern sakrale Subjekte, die auf magische Art und Weise gesellschaftliches Handeln bestimmen; sie werden zu Göttern der digitalen Welt. Es entsteht eine neue Techno-Religion, die die spiri-tuelle Grundlage für den digitalen Geist bildet.

Wie schon von Weber im Falle des Protestantismus analysiert hat, übt die religiös gefärbte Ethik einen großen Einfluss auf die Lebensführung aus. Das Streben nach Unsterblichkeit ist vor allem ein Streben nach menschlicher Perfektion, die von einer metrischen Lebensführung gestützt wird. Wir können in den sozialen Medien ein Bild von uns kuratieren, das nicht der Wirklichkeit, sondern einer perfekten Vor-stellung von uns entspricht. Wir transzendieren unser irdisches Dasein in eine zweite (digitale) Natur. Die digitale „Quantifizierung des Sozialen“, wie es Steffen Mau nennt, leistet einer Rationalisierung der alltäglichen Lebensführung und einer Universalisierung des Wettbewerbs Vorschub. Der Wert des Individuums wird aus den metrischen Klassifikationen, die das Individuum mit seinen Daten ermöglicht, bestimmt.



 
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