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Sitzungsübersicht
Session
SekST1: Sektion Soziologische Theorie - 'Komplexität' als Konzept der Sozialwissenschaften - überflüssige Allerweltsperspektive oder aussagekräftiges Analyseinstrument?
Zeit:
Freitag, 28.09.2018:
9:00 - 11:45

Chair der Sitzung: Rainer Greshoff
Chair der Sitzung: Henning Laux
Ort: ZHG 103
Sitzplätze: 198 Weitere Informationen finden unter folgenden webadressen: Ausstattung: https://ecampus.uni-goettingen.de/sb/rds?state=verpublish&status=init&vmfile=no&moduleCall=webInfo&publishConfFile=webInfoRaum&publishSubDir=raum&keep=y&raum.rgid=818 Barrierefreiheit: https://www.uni-goettingen.de/de/raumglossar/474082.html#ZHG:%20Zentrales%20H%C3%B6rsaalgeb%C3%A4ude

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Präsentationen

Ein Blick zurück: Komplexität als Konzept und Forschungsperspektive der Sozialwissenschaften in den 1970er Jahren

Ariane Leendertz

Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Deutschland

Der Beitrag blickt auf sozialwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit der erst später so genannten Komplexitätsforschung in den 1970er Jahren zurück. Sozialwissenschaftler wie Gary Brewer, Todd La Porte und John Gerard Ruggie in den USA oder Helmut Klages und Jürgen Nowak in der Bundesrepublik suchten damals den Grundstein für ein neues, analytisches Verständnis von Komplexität in Soziologie und Politikwissenschaft zu legen, um bisherigen „Defiziten“ der Gesellschaftstheorie zu begegnen und eine der „Komplexität“ des Sozialen angemessene Theoriebildung zu ermöglichen. Anhand einer historischen Analyse der früheren Auseinandersetzungen mit „Komplexität“ in den Sozialwissenschaften gibt der Beitrag erstens Aufschluss über die Zielsetzungen, die mit der Übertragung des Begriffs aus den Natur- und Technikwissenschaften auf soziale Zusammenhänge und politische Prozesse verbunden waren. Es wird gezeigt, was Sozialwissenschaftler in den 1970er Jahren unter gesellschaftlicher Komplexität verstanden und welchen analytischen Mehrwert sie sich von der Übertragung in die Gesellschaftstheorie versprachen. Der Beitrag wird zweitens herausarbeiten, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung über soziale Komplexität mit breiteren gesellschaftlichen und politischen Diskursen der damaligen Zeit verflochten war. In der sozialwissenschaftlichen Rede über Komplexität überlagerten sich in den 1970er Jahren verschiedene Bedeutungsschichten, die über den unmittelbaren wissenschaftlich-analytischen Verwendungsbezug hinauswiesen: Alltagssprachliche Assoziationen wirkten in den wissenschaftlichen Gebrauch hinein und der Begriff funktionierte zugleich als zeitdiagnostischer Topos und Metapher. Der Blick auf die Komplexitätsdiskussion der 1970er Jahre gibt damit auch Aufschlüsse über Charakteristika sozialwissenschaftlicher Begriffsbildung und ihre Bezüge zu breiteren politisch-öffentlichen Diskursen. Betrachtet man schließlich die überwiegend pessimistischen politischen Schlussfolgerungen, die die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler damals aus ihrer theoretischen Auseinandersetzung mit Komplexität zogen, erscheint es fragwürdig, dass Komplexitätstheorie geeignet sein könne, die „Dynamiken“ hoch moderner Gesellschaften zu „bewältigen“ oder gar zu „meistern“.


Gewalt als komplexes Phänomen

Thomas Kron

Aachen, Deutschland

Wenn man in der Soziologie von Komplexität ausgeht, dann handelt es sich um „Annahmen über die charakteristische Struktur“ (Renate Mayntz) des Sozialen. Damit ist zumeist ein (System-)Verhalten gemeint, welches multikausal durch wechselseitiges Anpassen der Elemente aneinander erzeugt wird, nicht-lineare, rekursive und pfadabhänge Dynamiken aufweist und infolgedessen eine Nicht-Prognostizierbarkeit des Endzustands aufweist. Dies gilt ebenso für das Phänomen der Gewalt, anhand dessen ich die Notwendigkeit der Berücksichtigung von Komplexität sowie die erklärungstheoretischen, methodologischen und methodischen Schwierigkeiten und Chancen an den empirischen Fallbeispielen der Tötungen von Dominik Brunner und Tuğçe Albayrak nachzeichne.

Erstens wird vorgeführt, dass es sich bei diesen Vorkommnissen um komplexe Phänomene mit der o.g. „charakteristischen Struktur“ handelt. Zweitens wird gezeigt, mit welchen Schwierigkeiten die Soziologie daraus folgend auch in diesen empirischen Fällen belastet ist. Drittens werden unterschiedliche Methoden präsentiert, die der empirischen Analyse von komplexen Gewaltdynamiken auf unterschiedliche Weise gerecht werden. Diese Methoden reagieren darauf, dass die Komplexität derartiger Gewaltprozesse die Analyse von Kausalitäten erschwert. Schon die pure Anzahl von Zusammenhängen von Bedingungen führt dazu, dass man stets mit Kombinationen von Bedingungen rechnen muss, die in verschiedener Kombinatorik äquifinal notwendig oder/und hinreichend in der Bewirkung von Gewalt sein können.

In diesen Schwierigkeiten ist u.a. begründet, dass der soziologischen Gewaltforschung nach wie vor unklar ist, an welcher Stelle eine Erklärung wie ansetzen muss oder kann. Diese Unklarheit dürfte ein Grund für den andauernden Streit zwischen den „Mainstreamern“ und "Innovateuren" der Gewaltforschung sein. Ich zeige viertens abschließend am Beispiel des Modells soziologischer Erklärung, wie eine vollständige Erklärung, welche die Komplexität des Gewaltprozesses in Rechnung stellt, aussehen kann.


'Complexity Science' als Metatheorie: Ambition – Annahmen – Anwendung

Frank Welz

Universität Innsbruck, Österreich

‘Komplexe’ Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen können ebenso wenig im Entfaltungsmodell einer Gesellschaft begriffen werden wie das Internet auf einen von einem Zentrum determinierten Zusammenhang reduziert werden kann. Überhaupt scheinen die Gegenstände gegenwärtiger Wissenschaft ‘komplex’ geworden. Dem bahnbrechenden Gulbenkian-Report von Wallerstein, Prigogine u.a. (1996) war es vorbehalten, erste Ergebnisse der ‘Complexity Science’ aus der Chemie auf die Sozialwissenschaften zu übertragen (Instabilität, Evolution, Fluktuation) und für diese eine ‘Restrukturierung’ zu fordern, die die gewohnte Unterscheidung von Natur- und Sozialwissenschaften aufhebt und beide einer neuen Weltsicht unterstellt, die ihren Forschungsbereich als ein ‘narratives Universum’ (Geschichte) versteht, in welchem Zeit das neue Zentralproblem ist.

(1) Ambition. Für die Sozialwissenschaften verspricht die Komplexitätsforschung das Ausrangieren der Spaltung in eine naturwissenschaftliche, nomothetische und eine kulturwissenschaftliche, idiographische Gegenstandsauffassung.

(2) Annahmen. Grund dafür ist das durch die Entwicklung der Relativitäts- und Quantentheorie im frühen zwanzigsten Jahrhundert erwirkte neue Wirklichkeitsverständnis, das nicht allein die Kulturwelt, sondern die Natur selbst ‘historisch’ versteht.

(a) Zeit - Welt als Prozess. Während auf Newtonscher Grundlage Wissenschaft universelle Naturgesetze aufdeckt, die die Wirklichkeit in einer Gleichung abbilden können, ist die Welt der Mitte der 1920er Jahre formulierten Quantenmechanik instabil. Unvorhergesehenes passiert. Sie folgt nicht deterministischen Gesetzen. Nicht auf Dinge und ihre Eigenschaften, sondern auf Prozesse in Relationen kommt es an. Die vormalige geometrische Welt wird zu einem narrativen Universum.

(b) Raum - Kontextualität der Beobachtung. In der Welt der Quantenmechanik gibt es keine letzten Elemente mehr. Jede Messung ist abhängig von anderen Messungen. Selbst das messende Subjekt steht unter Bedingungen. Es ist Teil im Prozess.

(3) Anwendung. Die seit 2008 schwelende Euro-Krise ‘lokal’ zu erklären, ist unmöglich. Sie steht unter der Vorgabe kontingenter Ereignisse im fließenden, historisch gewachsenen Beziehungsnetz verschiedener nationaler Wirtschaftssysteme, die im Euro-Raum extreme intersystemische Ungleichgewichte nicht mehr durch Abwertung ausgleichen können.


Kommentar zur Komplexitätsthematik und zu den Vorträgen

Renate Mayntz

MPIfG Köln

ohne



 
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