Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Session
Ad Hoc137: Ad-Hoc-Gruppe - Macht der Methodologie – Methodologie der Macht
Zeit:
Mittwoch, 26.09.2018:
9:00 - 11:45

Chair der Sitzung: Andreas Schmitz
Chair der Sitzung: Julian Hamann
Chair der Sitzung: Nina Baur
Ort: ZHG 005
Sitzplätze: 85 Weitere Informationen finden unter folgenden webadressen: Ausstattung: https://ecampus.uni-goettingen.de/sb/rds?state=verpublish&status=init&vmfile=no&moduleCall=webInfo&publishConfFile=webInfoRaum&publishSubDir=raum&keep=y&raum.rgid=809 Barrierefreiheit: https://www.uni-goettingen.de/de/raumglossar/474082.html#ZHG:%20Zentrales%20H%C3%B6rsaalgeb%C3%A4ude

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Präsentationen

Methodenpolizei oder Gütesicherung? Zwei Deutungsmuster im Kampf um die Vorherrschaft in der qualitativen Sozialforschung.

Jo Reichertz

Kulturwissenschaftliches Institut Essen, Deutschland

In den letzten Jahren hat sich, wohl auch bedingt durch den Generationswechsel, das Feld der qualitativen/interpretativen Sozialforschung stark ausdifferenziert: Zu den etablierten und ausgearbeiteten Methoden kommen fast im Monatstakt neue hinzu. Das hat der Debatte darüber, was qualitative/interpretative Sozialforschung ausmacht, welche Methoden erlaubt oder zielführend sind, deutlich belebt. Einige im Feld sprechen im Namen der Gütesicherung von wissenschaftlicher Forschung einigen neuen Methoden die Existenzberechtigung ab, andere im Feld labeln solche Versuche als methodenpolizeiliche Maßnahmen und fordern die bedingungslose Anerkennung neuer Methoden. Im Vortrag soll versucht werden, diese Frontstellung wissenssoziologisch aufzuklären und zwischen den Positionen zu vermitteln.


Methodenwelten, Konventionen und Macht

Rainer Diaz-Bone

Universität Luzern, Schweiz

Für die neuere pragmatische Soziologie sind die kritische Analyse der Klassifizierungspraktiken, der Quantifizierungsweisen sowie der Rechtfertigung von Klassifikationen und Quantifizierungen im Rahmen der amtlichen Statistik ein Gründungsmoment. Insbesondere die hierzu zählende «Soziologie der Konventionen» hat Konventionen als Koordinations- und Bewertungslogiken systematisch untersucht. Sie stellt heute einen komplexen pragmatischen Institutionalismus mit breitem Anwendungsspektrum dar und kann auch als Grundlage für eine Soziologie der Sozialforschung betrachtet werden. Sie nimmt eine Pluralität von Bewertungs- und Koordinationslogiken als Grundlage auch für Sozialforschung an. Methoden, Messung, Daten, und insgesamt methodologische Praktiken, Standards und Normen sind hierbei als auf Konventionen fundiert gedacht. Entsprechend existiert eine Pluralität von Methodenwelten, in denen die wissenschaftliche Legitimität, Validität, Methodik und epistemische Werte je unterschiedlich auf solchen fundierenden Konventionen basieren. Konventionentheoretisch gesehen wird daher die Normativität und Geltungsmacht der Methodologie erst identifizierbar, wenn man die unterliegenden Konventionen einbezieht. Methodenpolitiken können dann als Machtpolitiken verstanden werden, d. h. als Politiken um die Entscheidung über und die Durchsetzung von Konventionen. Konventionentheoretisch sind das (innerwissenschaftliche) Spannungsverhältnis (in) der Pluralität der Methodenwelten sowie die in ihnen mobilisierten Probleme, Phänomene, Kategorien, Wertigkeiten nun Gegenstände. Hier ist es für die Soziologie der Konventionen naheliegend, Foucaultsche Konzeptionen von Macht, Diskurs und Dispositiv einzubeziehen. Demnach wäre Macht nicht als eine von einer sozialen Gruppe «besessene Substanz» zu denken und das Macht-Wissens-Verhältnis wäre auch auf seine konstitutiven Machteffekte hin zu untersuchen, was beispielsweise andere Perspektiven auf «Gegenstandskonstruktionen» eröffnet. Sowohl die Soziologie der Konventionen als auch die Foucaultsche Theorie bringen Konzepte von Kritik und Reflexion ein, die sich von herkömmlichen Sozialkritiken aber auch von formalen Methodenkritiken unterscheiden. Macht in Methodenwelten mobilisiert dann immer auch Kritik. Macht wird somit nicht zuerst als Reproduktionsmechanismus sozialer Strukturen, sondern in der Wechselwirkung mit Kritik betrachtet.


"Weil ich doch vor zwei Jahren schon einmal verhört worden bin ...“ - Feldnotizen zum Verhältnis von Wahrheit, Macht und Herrschaft im sozialwissenschaftlichen Forschungsinterview

Udo Kelle

Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, Deutschland

Wie in anderen sozialen Interaktionen auch handeln die Akteure eines sozialwissenschaftlichen Interviews aufgrund eigener Motivlagen und Interessen, sie müssen das Handeln des anderen einschätzen und Handlungen aufeinander abstimmen und können dabei ihre Interaktionspartner über ihre Absichten im unklaren halten, Sachverhalte verschleiern oder verschweigen, Informationen zurückhalten usw. Hierbei spielen Machtasymmetrien und Fragen sozialer Ungleichheit eine bedeutsame Rolle

Was sich wie eine soziologische Trivialität anhört und bereits in den klassischen Arbeiten zur Methodenforschung der 1960er Jahre thematisiert wurde, findet nach wie vor erstaunlich wenig Resonanz in der sozialwissenschaftlichen Methodenlehre, wo in der quantitativen Forschung das Ideal der Standardisierung und die Fiktion des objektiven und neutralen Beobachters aufrechterhalten wird (wobei die Interviewsituation i.d.R. eine black box bleibt) während in der interpretativen Sozialforschung das Ethos der Solidarisierung mit seiner Betonung der Befragtenperspektive hochgehalten wird, aber Probleme sozialer Ungleichheit in der Forschungssituation oft nicht oder nur am Rande thematisiert werden.

Anhand von zwei empirischen Beispielen aus Forschungskontexten, die von ausgeprägter sozialer Ungleichheit, Herrschaftsverhältnissen und Machtasymmetrien geprägt sind, möchte ich in meinem Beitrag theoretische Anschlussstellen aufzeigen und methodische Überlegungen vorstellen, wie Reflexionen über diese Phänomene in konkreten Forschungsprozessen angeregt werden können.


Die Gesellschaft der Statistik

Katharina Manderscheid

Universität Hamburg, Deutschland

Historisch geht die Herausbildung moderner Nationalstaatlichkeit mit der Herausbildung eines spezifischen Verständnisses von Individuum, Bevölkerung und Gesellschaft, räumlichen Grenzen und Zugehörigkeiten einher. Mit Hilfe der sich komplementär dazu entwickelnden amtlichen Statistiken wurden politische Konzepte zu messbaren Kategorien und darüber zu empirischen Realitäten.

Der hier vorgeschlagene Beitrag für die Ad-hoc-Gruppe „Macht der Methodologie – Metho-dologie der Macht“ wird das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, wie es über die amtliche Statistik und deren Klassifikationen, Taxonomien und Erhebungsinstrumente hergestellt wird, genauer in den Blick nehmen. Über die Art Erfassung und Form der Reprä-sentation der Individuen werden dabei Zugehörigkeiten zu und Ausschlüsse von einem politischen Gemeinwesen definiert. Die eingesetzten Messverfahren und Klassifikationen bilden dabei ihre Gegenstände nicht einfach nur ab, sondern formen Denk- und Wissensräume, die wiederum Anschlüsse für politisches Handeln bieten. Dabei ist der Prozess der Kategorienbildung in der amtlichen Statistik keineswegs abgeschlossen, sondern entwickelt sich fortwährend weiter.

Im ersten Teil des Beitrags werden am Beispiel von vier ausgewählten Dimensionen und deren Entwicklung die gesellschaftlichen Grenzziehungen, die über das Vorgehen amtlicher Statistiken erfolgen, rekonstruiert werden. Als Kontrastfolie dienen dabei soziologische Theoreme, in denen andere Konzeptionen von Gesellschaft und Individuum formuliert werden – u.a. der Spatial Turn, das Mobilities Paradigm und Transnationalismus. Im Zentrum stehen folgende Dimensionen: die Herstellung von Gattungsgleichheit und Vergleichbarkeit (1), Adressierbarkeit (2), Fremdheit (3) und Produktivität (4).

Im zweiten Teil des Beitrags werden dann die Machteffekte dieser Methodologie genauer in den Blick genommen. Am Beispiel der gewählten Dimensionen sollen die Konsequenzen der vorgenommenen Grenzziehungen für die amtliche Statistik, den öffentlichen Diskurs und die empirische Sozialstrukturforschung diskutiert werden. Dabei stellt sich insbesondere die Frage nach alternativen Vorgehensweisen, die als Gegenposition in diesem gesell-schaftspolitischen Diskus um Zugehörigkeiten und Teilhabe bezogen werden können.



 
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