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Sitzungsübersicht
Sitzung
Ökologische Modernisierung ohne Alternative? Zur Realpolitisierung der sozial-ökologischen Transformation am Beispiel Bioökonomie
Zeit:
Dienstag, 27.09.2022:
14:15 - 17:00

Chair der Sitzung: Maria Backhouse, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Chair der Sitzung: Dennis Eversberg, FSU Jena
Ort: UHG T2-149


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Präsentationen

'Alle guten Dinge sind grün': Ideologische Strategien um die Biomassenutzung in der deutschen Bioökonomie

Miriam Boyer

Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland

Die Bioökonomie als neueste Ergänzung des politischen Projekts der ökologischen Modernisierung, beruht auf der umfangreichen Nutzung von Biomasse. Biomasse wird von Befürwortern der Bioökonomie als erneuerbar und daher als nachhaltig dargestellt. Akademische und nicht-akademische Kritiker*innen stellen diese Nachhaltigkeit jedoch in Frage und verweisen auf die negativen sozio-ökologischen Auswirkungen der Biomassenutzung. Angesichts dieser Spannungen fragen wir, wie der dominante Diskurs der Bioökonomie dennoch erfolgreich ein Bild nachhaltiger Biomassenutzung aufrechterhält. Wir untersuchen das Feld der Bioökonomiepolitik mit einem Fokus auf die Konstruktion von Biomasse und ihrer Verfügbarkeit in Deutschland. Empirisch untersuchen wir die offiziellen Bioökonomie-Strategien und Forschungen zu Biomasse-Potenzialen, Experten-Positionen im Rahmen des Bioökonomie-Jahres der Wissenschaft sowie die Veröffentlichungen zu einem exemplarischen biomassebasierten Rohstoff. Für die Analyse entwickeln wir einen theoretischen Rahmen der auf Gramscis Ideologiekritik aufbaut und so über bestehende Analysen von Bioökonomiediskursen hinausgeht. Wir identifizieren vier zentrale ideologische Strategien, die das Bild der nachhaltigen Biomassenutzung und einen politischen Konsens zum Projekt der deutschen Bioökonomie aufrechterhalten: (1) Ein steuerungsorientierter Problemlösungsansatz, (2) Vertrauen in technologische Innovationen, (3) Verlagerung von Problemen in die Zukunft und (4) eine Abwendung von der Materialität der Natur. Wir zeigen auf, wie der umfassende Diskurs und die Institutionen der ökologischen Modernisierung diese Strategien aufrechterhalten, und argumentieren, dass eine kritische Betrachtung der Bioökonomie besondere Aufmerksamkeit auf die Materialität der lebendigen Natur legen sollte. Die multiple Materialität der Natur kann sowohl ein Hindernis für die identifizierten ideologischen Strategien darstellen, aber auch den Ausgangspunkt für Gegennarrative als Teil alternativer Gesellschaft-Natur-Beziehungen bilden.



Bioökonomische Innovationen als Beitrag zu sozial-ökologischen Transformationen? – Erkenntnisse zu fiktionalen Erwartungen und imaginierten Zukünften

Jonathan Friedrich1,2, Jana Zscheischler1,3

1Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, Müncheberg, Deutschland; 2Institut für Geographie, Georg-August-Universität Göttingen, Deutschland; 3Fakultät II, Universität Vechta, Vechta, Deutschland

Innovationsprozesse spielen nicht nur eine wesentliche Rolle für die Gestaltung des Wandels zur Bioökonomie, sie haben auch eine analytische und indikative Dimension, da sie soziale und soziotechnische Veränderungen beobachtbar machen. So folgen sie etwa bestimmten Denkstilen und sind in soziotechnische Imaginäre eingebettet, welche sich durch implizite gesellschaftliche Werte und Normen in Innovationen materialisieren. Bioökonomische Innovationen stellen somit eine Untersuchungseinheit dar, anhand derer sich Rückschlüsse der Wirksamkeit der Bioökonomie mit Blick auf sozial-ökologische Transformationen ziehen lassen. Unser Beitrag stellt die Frage, welche imaginierten Zukünfte sich in den bioökonomische Innovationen begleitenden Narrativen dokumentieren und inwiefern diese mit den Erwartungen und Konzeptualisierungen sozial-ökologischer Transformationen vereinbar sind. Ziel des Vortrags ist es, Ergebnisse einer vergleichenden Analyse zweier Fallstudien aus Deutschland und Indien vorzustellen. Auf Basis unserer Ergebnisse präsentieren wir ein analytisches Modell, welches die Ko-Konstitution von Imaginären, fiktionalen Erwartungen, Narrativen und Innovationsdynamiken darstellt. Unsere Ergebnisse zeigen, dass bioökonomische Akteure durch politische und diskursive Irritationen ihre eigenen bioökonomischen Vorstellungen stabilisieren, anpassen oder verwerfen, während das zugrundeliegende Imaginäre einer technologischen Lösung fixiert und von den Akteuren nicht in Frage gestellt wird. Unser Modell kann Nachhaltigkeitswissenschaftler*innen und politische Entscheidungsträger*innen dabei unterstützen, diese Mechanismen zu reflektieren und unerwünschte Pfadabhängigkeiten, welche sich in einer „Kolonisierung der Zukunft“ ausdrücken, zu vermeiden. Der Vortrag nimmt kritisch Bezug auf das reduktionistische Imaginär technologischer Lösungen für sozial-ökologische Probleme im Rahmen der Bioökonomie und diskutiert Möglichkeiten zur wirkungsvollen Entwicklung alternativer Zukünfte im Sinne pluraler sozial-ökologischer Transformationen.



Extraktive Verhältnisse als Grundmuster der Bioökonomie? Sozial-ökologische Folgen der Biomasseproduktion in Südamerika

Maria Backhouse, Anne Tittor

Friedrich-Schiller-Universität Jena, Deutschland

Mittlerweile zeigen zahlreiche Studien, dass der wachsende Biomassebedarf für die Bioökonomie die sozial-ökologische Krise in den Produktionsregionen des Globalen Südens vertieft. Im Vortrag werden die historischen Hintergründe und polit-ökonomischen Zusammenhänge einer auf den Weltmarkt ausgerichteten Landwirtschaft beleuchtet und der Frage nachgegangen, inwieweit es in der real existierenden Bioökonomie Anknüpfungspunkte für eine gerechte, sozial-ökologische Transformation gibt.

Der Beitrag verortet sich in der sozialen Ökologie und entwicklungspolitischen Debatte mit kritischem Blick auf das Paradigma der ökologischen Modernisierung und rekurriert auf Diskussionen zu (Agrar-)Extraktivismus sowie ungleiche globale Wissensproduktion. Aufbauend auf qualitativen Studien zu (Bio-)Technologien sowie Landnutzungsverhältnissen im Sojasektor Argentiniens und Brasiliens wird zunächst gezeigt, dass der Extraktivismus in der exportorientierten Landwirtschaft fortgesetzt wird. Dabei werden die sozial-ökologischen Implikationen und Konflikte rund um den Sojasektor skizziert. Im zweiten Schritt wird ausgehend von Ansätzen zur sozial-ökologischen Transformation herausgearbeitet, dass es innerhalb der bestehenden extraktiven Agrarverhältnisse keine Anknüpfungspunkte für eine gerechte Transformation gibt. Vielmehr müssten die Akteure sowie politische und technologische Lösungsansätze außerhalb des dominierenden Agrarsektors gesucht und gefördert werden, die bisher jedoch in den internationalen Aushandlungsforen der Bioökonomie marginalisiert sind.



Erwerbsstrukturen und Mentalitäten in der deutschen Bioökonomie

Martin Fritz, Dennis Eversberg

Friedrich-Schiller-Universität Jena, Deutschland

Der Vortrag beleuchtet anhand empirischer Analysen von Umfragedaten die Struktur und Entwicklung von Beschäftigung in der deutschen Bioökonomie sowie den Zusammenhang zwischen Erwerbstätigkeit in der Bioökonomie und sozial-ökologischen Mentalitäten. Erklärtes Ziel politischer Bioökonomiestrategien ist die Schaffung neuer, vor allem hoch qualifizierter Arbeitsplätze in Folge biotechnologischer Innovationen, die nicht nur in der Forschung und Entwicklung, sondern auch in breiteren Sektoren biobasierten Wirtschaftens erhofft werden. Basierend auf der Europäischen Arbeitskräfteerhebung wird zunächst aufgezeigt, wie sich die bio-basierte Wirtschaft eingrenzen lässt und wie sich die Branchen und Berufe der Bioökonomie in Deutschland in jüngerer Zeit entwickelt haben: Sind tatsächlich Jobs entstanden? In welchen Teilsektoren ist eine Zu- oder Abnahme bio-basierter Beschäftigung zu beobachten? Mit Blick auf die Offenheit der Bevölkerung für Transformationen der Lebensweise wird auf dieser Grundlage mittels eigener Umfragedaten aus der Studie „Biomentalitäten2021“ untersucht, ob die Arbeit in bio-basierten Tätigkeitsbereichen mit anderen Haltungen zu sozial-ökologischen Fragen zusammenhängt als in anderen Feldern, und welche Veränderungen auf dieser Ebene von eventuellen Verschiebungen hin zur Bioökonomie zu erwarten sind.



 
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