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Sitzungsübersicht
Sitzung
Wissenssoziologische Perspektiven auf Gewalt. Chancen, Herausforderungen und Divergenzen
Zeit:
Dienstag, 27.09.2022:
14:15 - 17:00

Chair der Sitzung: Ekkehard Coenen, Bauhaus-Universität Weimar
Chair der Sitzung: Thorsten Benkel, Universität Passau
Ort: UHG U2-240


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Präsentationen

Anti-Hobbes: Verfahrensordnungen der Gewalt

Gesa Lindemann

Carl von Ossietzky Universität, Deutschland

Gemäß Hobbes‘ mythischer Erzählung leben die Menschen in einem Naturzustand der Gewalt aller gegen alle. Dieser Zustand wird beendet durch eine überlegene Zentralgewalt, die die private Gewalt beendet sowie Gesetze und Normen setzt. Das Problem, das Gesellschaften Hobbes zufolge lösen müssen, besteht darin, die selbstzerstörerische Regellosigkeit zu beenden.

Die Prämisse des Anti-Hobbes ist anders. Leibliche Wesen finden sich in leiblichen Berührungsbeziehungen und schaffen in triadischen Konstellationen Institutionen, was auch Normbildung einschließt.

Wenn es zu ordnungsgefährdenden Normabweichungen kommt, wird Gewalt relevant. Durch Gewalt wird in triadischen Konstellationen die Gültigkeit normativer Erwartungen dargestellt. Das zentrale Problem für den soziologischen Anti-Hobbes ist das mögliche Übermaß an normdarstellender Gewalt, welches zur gesellschaftlichen Selbstvernichtung führen kann. Das historische Beispiel hierfür sind Blutracheverpflichtungen, durch die Gesellschaften sich soweit dezimieren können, dass ihre Persistenz gefährdet ist.

Die Lösung des Problems der normdarstellenden Gewalt bildet die Institutionalisierung von Verfahrensordnungen der Gewalt. Durch diese wird festgelegt, wer gegen wen in welcher Weise normdarstellende Gewalt anwenden kann bzw. dazu verpflichtet ist, wie die Normgültigkeit in angemessener Weise darzustellen ist und welche Handlungen als Gewalt gelten sollen.

Bislang lassen sich vier solcher Verfahrensordnungen der Gewalt unterscheiden:

1. Ordnung der Opferung,

2. Ordnung des Ausgleichs,

3. Ordnung des Gerichtswesens,

4. die moderne rechtsstaatliche Ordnung der gewaltfreien Rechtsdarstellung.

Nur im Rahmen der modernen Verfahrensordnung der Gewalt wird der Kreis derjenigen, denen ein moralischer Status zukommt, auf Menschen beschränkt, die als Individuen verantwortlich gemacht werden können. Vor allem im Rahmen der Ordnung des Ausgleichs werden auch Tiere, Pflanzen oder Götter als gewaltfähige und deshalb moralische relevante Personen einbezogen - allerdings nicht als Individuen, sondern als dividualisierte Glieder von Gruppen, die mit anderen Gruppen in Austauschbeziehungen stehen.

Der Beitrag diskutiert die Merkmale dieser unterschiedlichen Ordnungen sowie ihr Gewalt-, In-/Dividualitäts- und Normverständnis.



Was sollten wir wissen? Die Präsenz der Gewalt

Jörn Ahrens

Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Das Sprechen über Gewalt hat vor allem gezeigt, wie wenig selbstverständlich ihr Verständnis ist. So ist das Konzept von Gewalt wesentlich deutungsoffener als dies zunächst den Anschein hat. Ob daher ein klassischer, materieller Ansatz verfolgt wird, ob man zu den Gewalt-Innovateuren zählt, ob man eine historische, anthropologische, spatiale oder scheinbar reflexive Perspektive einnimmt, am Ende scheint das jeweils verwendete Konzept von Gewalt immer ungenügend, scheint der Begriff sich zu entziehen. Insofern ist Gewalt in der Gesellschaft zwar immerzu präsent, aber begrifflich nicht handhabbar. Jedenfalls verschwindet sie nicht, wie man noch vor ein paar Jahren glauben wollte. Insofern könnte es hilfreich sein, nicht primär nach dem Alleinstellungsmerkmal des richtigen Zugriffs auf Gewalt zu suchen, sondern auf das reflektieren, was die vorliegenden Ansätze miteinander teilen. Allen Ansätzen zur Gewalt gemeinsam scheint die Betonung des Schmerzes in vielerlei Gestalt zu sein. Gewalt tut weh. Dass allen Äußerungen von Kultur, jeder Gesellschaft, ein Moment der Gewalt zugrunde liegt, hat Freud betont. Denn wiewohl Kultur ausgelegt ist auf die Verarbeitung, vor allem auf die Vermeidung von Schmerz und Unlust, ist auch klar, dass dies unmöglich und eine Illusion ist. Insofern wäre Gewalt, wenn wir sie als konstitutiv für Verfahren der Vergesellschaftung verstehen, am ehesten als eine transzendente Größe inmitten von Gesellschaften zu begreifen, die sich jenseits der Transzendenz wähnen. Gewalt wäre dann Träger einer negativen Transzendenz. Obwohl Gewalt offensichtlich ein permanenter und nie verschwindender Bestandteil von Gesellschaft ist, ist sie dies aus guten Gründen als Negativkategorie. Die Mehrheitshaltung zu Gewalt dürfte sein, dass es sich um keine identitätsstiftende, sondern um eine abzuwehrende Kategorie handelt, die gerade nicht lebensweltlich Akzeptanz erfährt. Als Konstante der Störung in der Gesellschaft wirkt Gewalt als gegen Vergesellschaftung gerichtet, während Ordnungen struktureller Gewalt zwar soziale Ungleichheitsverhältnisse festigen und Herrschaft radikalisieren, zugleich aber pazifizierend wirken können. Die Negativität von Gewalt könnte daher einen Zugang eröffnen, der sich nicht im Verweis auf ihre Ambiguität erschöpft.



Kommunikativer Konstruktivismus und Gewaltwissen

Ekkehard Coenen

Bauhaus-Universität Weimar, Deutschland

Dieser Impulsvortrag stellt die Grundzüge einer kommunikationskonstruktivistischen Perspektive auf das Wissen über Gewalt vor, um diese in der anschließenden Podiumsdiskussion zur Debatte zu stellen. Aus der Perspektive des Kommunikativen Konstruktivismus ist Wissen über Gewalt mit einer De-Zentrierung des Subjekts und einer Hinwendung zur Performativität, Materialität sowie Sequenzialität von gewaltsamen und gewaltbezogenen Situationen verbunden. Gewaltwissen wird hierbei erst im kommunikativen Handeln beobachtbar und wirksam. Dieses Handeln bezieht sich auf das verkörperte Subjekt, auf Andere sowie jene Objektivierungen, die von den Beteiligten als Teil der gemeinsamen Umwelt wahrgenommen werden. Aufgrund dieser Akzentuierung steht nicht ‚das Wissen‘ über Gewalt im Mittelpunkt der Analyse, sondern der Fokus gilt den Kommunikationsprozessen, aus denen Gewaltwissen hervorgeht. Denn Wissen über Gewalt, welches in einer Situation von Relevanz ist bzw. aus dieser hervorgeht, ist stets vermittelt.

In dieser Hinsicht kommt insbesondere den Objektivierungen von Gewalt ein hoher Stellenwert zu – seien es z.B. bestimmte gewaltbezogene Begriffe und Redewendungen, Schreie, Narben und Wunden, Mahnmale, Gesetzestexte oder Waffen(gebrauch). Objektivierungen sind die Voraussetzung dafür, dass ein subjektives Wissen über Gewalt in den gesellschaftlichen Wissensvorrat eingespeist werden kann. Daran geknüpft ist zugleich die Frage nach der Mediatisierung von Gewalt, d.h. der Einbettung von Gewaltphänomenen in einen mit dem Medienwandel verbundenen Wandel des kommunikativen Handelns. Dies wird einerseits in Gewaltsituationen deutlich, in denen beispielsweise gegenwärtig zunehmend auch Smartphones und Camcorder als Aufzeichnungsmedien zum Einsatz kommen. Andererseits zeigt sich die Mediatisierung auch im Diskurs um Gewalt, wenn z.B. in dem Social-Media-Bereich oder der massenmedialen Berichterstattung (audio-)visuelle Aufzeichnungen von Gewalthandlungen eingebunden werden.

Der Vortrag verdeutlicht, dass der Kommunikative Konstruktivismus den Blick für das kommunikative Handeln, die Objektivierungen sowie die Mediatisierung im Wissensfeld der Gewalt öffnet.



Radikale Temporalisierung. Über Gewaltwissen in prozesssoziologischer Perspektive

Thomas Hoebel

Hamburger Institut für Sozialforschung, Deutschland

In meinem Beitrag befasse ich mich aus prozesssoziologischer Perspektive mit den sozialtheoretischen und methodologischen Prämissen einer möglichen "Wissenssoziologie der Gewalt". So hat Ekkehard Coenen jüngst ein Forschungsprogramm skizziert, dass sich damit befasst, „was wir eigentlich über Gewalt wissen, wie es zu diesem Wissen kommt und wie es sozial und gesellschaftlich wirksam wird“ (Zeitschrift für Theoretische Soziologie, 10. Jg. 2021, H. 2). Er spricht hier von einem „Gewaltwissen“, das als „sozial sedimentierter Sinn von Gewalt“ zu verstehen sei.

Vor allem beschäftigt mich dabei der konzeptuelle Grundgedanke dieses Vorschlags, die recht breit angelegte Kategorie Wissen in zeitlicher Hinsicht als Sedimentation von Sinn zu begreifen, der dann in Episoden des Antuns, Erleidens, Beobachtens oder Deutens von Gewalt gleichsam als „Vorrat“ (Coenen) für die Beteiligten verfügbar ist. Es handelt sich dabei um eine empirische Frage, die zugleich auf das theoretische Problem zuführt, ob die Metapher der Sedimentation nicht zu einseitig ist, um sich damit zu befassen, wer wann in welcher Form etwas über Gewalt ‚weiß‘ und welche konkreten Konsequenzen daraus situativ, biografisch, institutionell u.v.m. erwachsen.

Mir geht es somit um eine ‚radikal temporalisierte‘ Perspektive auf gewaltsame Vorgänge und ihre soziologische Analyse. Dabei interessieren mich vor allem Fälle, in denen Gewaltsamkeiten bisherige Gewissheiten und bisher Gewusstes für einige, wenn nicht alle Beteiligten auflösen oder entwerten. Vor diesem Hintergrund hat der Vorschlag hin zu einer „Wissenssoziologie der Gewalt“ einen recht starken ‚Kontinuitätsbias‘. Er ist im Grunde zu optimistisch, dass ein bereits produziertes „Gewaltwissen“ in Episoden des Antuns, Erleidens, Beobachtens oder Deutens von Gewalt „wirksam“ ist.



 
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