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Sitzungsübersicht
Sitzung
(Un-)Sichtbarkeit von Gewalt: Methodologien jenseits des Okularzentrismus soziologischer Theoriebildung
Zeit:
Freitag, 30.09.2022:
9:00 - 11:45

Chair der Sitzung: Laura Wolters, Hamburger Institut für Sozialforschung
Chair der Sitzung: Thomas Hoebel, Hamburger Institut für Sozialforschung
Ort: UHG T2-213


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Präsentationen

Zeige-Rede-Schweige-Konstellationen. Über das Problem visueller Verengungen in der soziologischen Gewaltforschung

Thomas Hoebel1, Eddie Hartmann2,3

1Hamburger Institut für Sozialforschung, Deutschland; 2Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, Deutschland; 3Universität Potsdam, Deutschland

In unserem Beitrag befassen wir uns mit visuellen Verengungen in der soziologischen Erforschung gewaltsamer Phänomene. Unser Interesse gilt dabei ganz grundsätzlich den eigentümlichen Zeige-Rede-Schweige-Konstellationen, in denen Sozialforschende Gewaltsamkeiten empirisch untersuchen und als soziale Phänomene begreiflich zu machen versuchen. Wir richten das Augenmerk dazu auf zwei methodologische Problemstellungen der soziologischen Gewaltforschung, die wir an anderer Stelle bereits als „Sichtbarkeitsbias“ und als „Schweigsamkeit der Gewalt“ umrissen haben. Während der Ausdruck des Sichtbarkeitsbias in erster Linie meint, dass viele Stränge der Gewaltforschung ihren empirischen und theoretischen Aufmerksamkeitsfokus überproportional auf öffentlich sichtbare, oftmals spektakuläre Phänomene von Gewaltsamkeit richten, charakterisiert die genannte Schweigsamkeit zweierlei. Als eine von Stefan Hirschauer entlehnte Metapher – Hirschauer spricht von einer grundsätzlichen „Schweigsamkeit des Sozialen“ – bezeichnet sie annäherungsweise, wie im gesellschaftlichen Alltag das Thema Gewalt umgangen wird: als ein Nicht-darüber-sprechen-Wollen, -Können, -Dürfen usw. Zugleich ist eine besondere Herausforderung für die soziologische Forschung gemeint, nämlich Phänomene zur Sprache zu bringen, die sich nicht so ohne Weiteres versprachlichen lassen – ohne allerdings per se „unsagbar“ oder „unvorstellbar“ zu sein. Beide Problemstellungen erörtern wir anhand der beiden Wanderausstellungen zu den „Verbrechen der Wehrmacht“ (1995-1999 und 2001-2004). Beide waren in je eigener Weise tat- und täterzentriert. Sie zeigten die Bedrängten, Gemarterten, und Ermordeten zwar, ließen sie aber schweigen. Das Wort hatten die Täter bzw. Beobachter an der Seite der Täter, etwa in Form von amtlichen Anordnungen, Tagesmeldungen, Feldpostbriefen, Aussagen vor Gericht oder – als ein Sprechen im erweiterten Sinn – durch die Bilder von Propaganda- oder Amateurphotographen in Uniform. Die Analyse sensibilisiert, so möchten wir zeigen, einerseits für die Historizität grundlegender „Rahmen“ (Erving Goffman), um gewaltsame Ereignisse zu verstehen, andererseits für die normative Verstricktheit gerade auch der soziologischen Gewaltforschung in ihren Untersuchungsgegenstand.



Methodologische Fragen bei der Untersuchung "häuslicher Gewalt"

Susanne Nef

Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, Schweiz

Die empirische Erforschung von Gewalt in Paarbeziehungen – im sogenannt sozialen Nahraum – mit den verschiedenen Gewaltformen – von sozialer, physischer, psychischer, finanzieller, hin zu sexueller Gewalt – „operiert“ - so Helfferich (2012) - „an der Grenze dessen, was erträglich ist, und trägt in der wissenschaftlichen Bezeugung der Gewalt gesellschaftliche Verantwortung“ (ebd.).

Aufgrund des sozialen Nahraums als Vollzugswirklichkeit der Gewalt besteht nicht lediglich die Gefahr infolge visueller Verengungen in der Gewaltforschung, Aufmerksamkeitsökonomien, die an der leichten und günstigen Sichtbarkeit von Gegenständen ausgerichtet sind, zu verstärken. Sondern auch, dass die vielfältigen (nicht-öffentlichen und nicht-sichtbaren) Gewaltformen, die gemeinhin unter ‚häusliche Gewalt‘, ‚Gewalt im sozialen Nahraum‘, ‚Gewalt in Paarbeziehungen‘ zusammengefasst werden auf den sozialen Raum, die Beziehungsform der Beteiligten und/oder situative Dynamiken reduziert werden.

Die empirische Erforschung und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Gewalt in Paarbeziehungen wirft daher Fragen auf nach geeigneten Methodologien und Methoden. Denn so sind folglich – so wird argumentiert – Methodologien und Methoden notwendig, die es erlauben der konkreten sozialen Situiertheit und den kontextuellen Besonderheiten ihrer jeweiligen Vollzugswirklichkeit (Indexikalität der Gewalt) nachzuspüren (Hoebel & Koloma Beck 2019). Dazu gehört auch – so wird im Beitrag skizziert - gesellschaftliche wie auch wissenschaftliche Konstruktionen von Gewalt und mögliche Ausblendungen (z.B. aufgrund der Grenze des Erträglichen) als Entdeckungskontexte der Analysen offen zu legen.

Helfferich, Cornelia; Kavemann, Barbara; Kindler, Heinz (2016): Einleitung. In: Cornelia Helfferich, Barbara Kavemann und Heinz Kindler (Hg.): Forschungsmanual Gewalt. Grundlagen der empirischen Erhebung von Gewalt in Paarbeziehungen und sexualisierter Gewalt. Wiesbaden: Springer VS, S. 1–12.

Hoebel, Thomas; Koloma Beck, Teresa (2019): Gewalt und ihre Indexikalität. Theoretische Potenziale einer kontextsensiblen Heuristik.



Die unsichtbare Gewalt der Berührung

Christian Meyer

Universität Konstanz, Deutschland

In den letzten Jahren hat die Erforschung der sozialen Interaktion ihren Gegenstandsbereich erweitert und nach der Untersuchung der auditiven und visuellen auch die taktile und haptische Sphäre - Berührung - als weitere sensorische Modalität entdeckt, die für die soziale Interaktion überaus relevant ist. Obwohl Berührung meist nur als eine weitere Modalität behandelt wird, die innerhalb des bestehenden theoretischen Rahmens und mit den bekannten methodischen Instrumenten erklärt werden kann, weist sie bei näherer Betrachtung wesentliche Unterschiede zu anderen bereits untersuchten Modalitäten - Sprache, Stimme, Gestik, Gesichtsausdruck, Körperhaltung - auf. Diese Unterschiede beziehen sich insbesondere auf die essentielle Wechselseitigkeit – Berühren heißt immer zugleich Berührt-Werden – und auf die genuine Privatheit von Berührungsaktivitäten – die Partikularitäten einer Berührung sind nicht-öffentlich und unsichtbar. Diese beiden Eigenschaften haben theoretische und methodologische Konsequenzen für die soziologische Frage nach interaktionaler Gewalt, die ich im Vortrag u.a. am Beispiel von Folter thematisieren werde.



Vergewaltigung als (un-)sichtbares Phänomen. Überlegungen zur Evidenz des Sichtbaren

Laura Wolters

Hamburger Institut für Sozialforschung, Deutschland

Kritiken am Sichtbarkeitsbias und an der „Hegemonie des Auges“ betonen die blinden Flecken einer Gewaltsoziologie, die zuvorderst das Sichtbare zu ihrem Gegenstand macht. Theorien laufen Gefahr, so die Kritik, über die Eindrücklichkeit des optisch Wahrnehmbaren das nicht Sichtbare aus den sprichwörtlichen Augen zu verlieren. Dem lässt sich ein weiterer Einwand an die Seite stellen: Nicht nur muss gute soziologische Forschung auch das Unsichtbare bedenken; ebenso ist es nötig, die soziologische Praxis des Sehens – und vor allem die Evidenz des Gesehenen – einer kritischen Befragung zu unterziehen. Für Gewalt, von der Trutz von Trotha noch annahm, dass sie „eine solche Evidenz enthält, daß Menschen allerorten und aller Zeiten keine große Mühe haben, [ihre] Zeichen […] zu erkennen“, scheint das vielleicht nicht unmittelbar selbstverständlich – mindestens für sexuelle Gewalt ist das Problem jedoch zentral. Ob ein sexuelles Geschehen zwischen zwei Personen eine Vergewaltigung ist, oder doch einvernehmlicher Sex, ist oftmals allein visuell nicht zu bestimmen, da die Definitionsmerkmale dieser Gewalt nicht allein auf rein mechanische, körperliche, eben sichtbare Vorgänge reduziert werden können. Eine Penetration etwa kann, für sich genommen, beides sein. Was in der Theorie zunächst wie kein allzu großes Problem klingt – eine Vergewaltigung ist doch zu erkennen, wenn man sie sieht, oder? – führt in der Praxis der Strafverfolgung regelmäßig zu irritierenden Folgen. Bei (zahlenmäßig zunehmenden) Fällen von Gruppenvergewaltigung, deren Vollzug gefilmt wurde, dient das so entstandene Videomaterial oft sowohl Anklage als auch Verteidigung als Ausweis ihrer Version der Geschehnisse – respektive der eines gewaltsamen, ungewollten Übergriffs oder der eines einvernehmlichen Sexualkontakts. Die Evidenz des Sichtbaren ist in diesen Fällen offenbar alles andere als unhintergehbar. Das hat Folgen – nicht nur solche politischer und gesellschaftlicher Natur, sondern auch für eine soziologische Gewaltforschung, die erst in den letzten Jahrzehnten Jahren das Sehen – oder richtiger: das Beobachten – als Methode für sich entdeckt hat. Diese Folgen gilt es zu diskutieren, betreffen sie doch sowohl theoretisch-konzeptionelle als auch methodologische Kernanliegen – und sind damit fundamental für jedes gewaltsoziologische Selbstverständnis.



 
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