Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Sektion Wissenschafts- und Technikforschung: Wissenschaftsforschung in polarisierten Welten: Plurale Expertisen im Lichte existenzieller Herausforderungen
Zeit:
Donnerstag, 29.09.2022:
14:15 - 17:00

Chair der Sitzung: Julia Schubert, Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer
Chair der Sitzung: David Kaldewey, Universität Bonn
Chair der Sitzung: Martina Franzen, Kulturwissenschaftliches Institut Essen
Chair der Sitzung: Pascal Berger, Forum Internationale Wissenschaft
Ort: X-E0-234


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Präsentationen

Nach der ‚dritten Welle‘, mitten im Anthropozän: Wissenschaftsforschung zwischen Expertise, Ko-Laboration und Gesellschaftstheorie

Tanja Bogusz

Universität Hamburg, Deutschland

2002 hatten Harry Collins und Robert Evans mit ihrem Aufsatz „The third wave of science studies“ einen Paradigmenwechsel für die Wissenschaftsforschung ausgerufen. Mein Beitrag nimmt eine Re-Lektüre dieses STS-Klassikers vor, um im Lichte der gegenwärtigen existenziellen Krisen durch das Anthropozän die im Call aufgeworfene Frage nach dem gesellschaftlichen Stellenwert wissenschaftlicher Expertise im Allgemeinen, und der soziologischen Wissenschafts- und Technikforschung im Besonderen zu diskutieren. Anhand des sich aktuell neu etablierenden Schnittstellen-Gebietes der „Marine Social Sciences“ wird die „dritte Welle“ entlang von drei Hypothesen rekonfiguriert: Erstens manifestieren sich Kooperations-Konflikte zwischen Natur- und Sozialwissenschaften gegenwärtig wie ein spätes Echo der von Collins und Evans beschriebenen Polarisierungen des „age of authority“. Zweitens ist naturwissenschaftliche Autorität angesichts des planetaren anthropogenen Drucks auf Natur und Gesellschaft zu interdisziplinärer Anschlussfähigkeit gezwungen. Somit sind vielfältige und aussichtsreiche forschungspraktische Opportunitätsstrukturen entstanden, die sozialwissenschaftliche Expertise mindestens formal integrieren; für Letztere jedoch oft nur unzureichend, da die Definition der Probleme und ihrer Lösungen vereinseitigt weiterhin maßgeblich den Naturwissenschaften zugeschlagen werden. Dies bedeutet drittens, dass die Beziehung zwischen Wissenschaftsforschung und Gesellschaftstheorie zuerst eine methodologische ist, indem Wissenschaft und Gesellschaft in ein ko-laboratives Verhältnis zueinander gesetzt werden. Die Aktualisierung des „demokratischen Experimentalismus“ nach Dewey für die soziologische Gesellschaftstheorie greift diesen Anspruch ausgehend von der Annahme auf, dass die methodologische Erhebung und Integration heterogener Formen von Erfahrung und Expertise eine zentrale Zukunftsaufgabe im Anthropozän darstellt.



„Hört auf die Wissenschaft!“ Die »Technologies of Trust« der Klimaforschung und ihre sozialen Folgen

Simone Rödder

Universität Hamburg, Deutschland

Der Vortrag diskutiert am Beispiel des Weltklimarats (IPCC), wie dieser Meta-Expertise herstellt und welche Anschlüsse sich in der Praxis finden. Zunächst wird dargestellt, wie der IPCC mit Hilfe materieller, literarischer und sozialer Technologien Autorität etabliert und seine Expertise als wissenschaftlich zertifiziert. Damit einher geht ein lineares Modell der Beziehung von Wissenschaft und Politik, das von einem zentralen Stellenwert wissenschaftlichen Konsenses für politisches Handeln ausgeht. Die Anschlussfähigkeit von IPCC-Meta-Expertise in der Praxis wird im Vortrag am Beispiel der neuen Klimabewegungen diskutiert, die sich in ihren Slogans bekanntlich demonstrativ auf „die Wissenschaft“ beziehen. Gleichwohl gibt es wenig empirische Forschung dazu, wie soziale Bewegungen unter Berufung auf wissenschaftliche Expertise mobilisieren, ein Desiderat, das nicht zuletzt der Forschungsspezialisierung geschuldet ist, die ein geringes Interesse der Wissenschaftsforschung an sozialen Bewegungen und der Bewegungsforschung an der Wissenschaft zur Folge hat. Mittels einer narrativen Analyse wurden mehrere Bewegungen anhand verschiedener Dokumententypen (Websites, Pressemitteilungen, Medienberichterstattung, Untersuchungsjahr 2019) auf ihr Verständnis von „der Wissenschaft“ sowie der Rolle wissenschaftlicher Expertise in politischen Prozessen befragt. Es zeigt sich, dass sich die neuen Klimabewegungen zunächst als Sprachrohr der Wissenschaft positionieren und in dieser Amplifikationsrolle als Anwälte sowohl der natürlichen Umwelt als auch der Klimawissenschaft agieren. Die Wissenschaft, auf die man hören soll, ist in der Tat die naturwissenschaftlich dominierte und modellgeprägte Synthese des Weltklimarats. Statt wissenschaftliche Expertise mit anderen Wertvorstellungen, politischen Ideologien und sozialen Visionen zu kontextualisieren, um politische Ziele zu verfolgen, berufen sich nun auch die Bewegungen auf die Wissenschaft als maßgebliche Wissensquelle, aus der die richtige Klimapolitik direkt abgeleitet werden kann. Hier anschließend wird reflektiert, wie die Wissenschaftsforschung die hohe Resonanz des linearen Modells bei nahezu allen Akteuren der Klimapolitik (und anderer Politikfelder, in denen es um die Lösung existenzieller Herausforderungen geht) interpretieren, und wie sie sich dazu verhalten kann.



Das Meer als reflexiver Moment: Aktivismus und Distanz in der Wissenschaftsforschung

Sarah Schönbauer

CWTS/Leiden University, Deutschland

Eine Vielzahl globaler Herausforderungen wie die Plastikverschmutzung, die Versauerung der Meere oder der Klimawandel haben potentiell dramatische Auswirkungen für zukünftiges Leben auf der Erde. Wie sollen Wissenschaftler*innen mit diesen Veränderungen umgehen? Sollen sie eine distanzierte oder eine aktivistische Position einnehmen? Dieses Spannungsverhältnis verdeutlicht, dass sich die Rolle der Wissenschaft in einer unabdingbaren Transformation befindet. In diesem Vortrag werde ich entlang einer Fallstudie, in der ich das Feld der Meeresbiologie beleuchte, Rückschlüsse auf die Wissenschaftsforschung ziehen und kritisch darüber reflektieren welche Rolle die Wissenschaftsforschung in gegenwärtigen und zukünftigen ökologischen Krisen einnehmen kann und soll.

Basierend auf Imeiner Feldforschung an einem renommierten deutschen meereswissenschaftlichen Institut untersuche ich wie sich Wissenschaftler*innen zwischen verschiedenen Anforderungen und Erwartungshaltungen inmitten großer Umweltveränderungen begreifen und positionieren. Die Meereswissenschaft hat eine lange Geschichte des Forschens und Handelns inmitten ökologischer Veränderungen und stellt ein Fachgebiet dar, in dem Wissenschaftler*innen seit langem in politische Arbeit eingebunden sind, Öffentlichkeitsarbeit machen oder sich an aktivistischen Aktionen beteiligen. Ich werde zeigen wie Meereswissenschaftler*innen Umweltveränderungen in ihrer täglichen Arbeit, ihren öffentlichen Auftritten und ihrem Selbstverständnis als Wissenschaftler*innen verorten und wie sie dies vor dem Hintergrund (wechselnder) politischer Paradigmen und feldspezifischer Realitäten tun. Dabei analysiere ich wie Wissenschaftler*innen ihre Rollen in verschiedenen Zeiten und Räumen ausfüllen und aushandeln.

Diese Fallstudie leitet meinen selbst-reflexiven Blick auf die Wissenschaftsforschung an, ein Feld das mit dem engaged program eine Schnittstelle zwischen theoretischem Interesse und Aktivismus besitzt. Anhand meiner Fallstudie werde ich in diesem Vortrag die Positionierung der Wissenschaftsforschung im Spannungsfeld zwischen Distanziertheit und Aktivismus kritisch beleuchten und fragen wie diese Spannung konstruktiv genützt werden kann. Dabei werde ich auch erläutern welche Formen der Verantwortung die Wissenschaftsforschung wahrnehmen kann (und auch muss) und welche Öffentlichkeiten geschaffen werden sollen.



Nichtwissensregime und die Polarisierung epistemischer Autorität – Antipluralistische Tendenzen in der wissenschaftlichen Politikberatung während der Coronakrise

Jörn Knobloch

Universität Lübeck, Deutschland

In der Coronakrise avancierte die epistemische Autorität der Wissenschaft zur wichtigsten Quelle legitimer Politikgestaltung. Die Konfrontation mit einem neuen Virus hat die Nachfrage nach einer rationalistischen Politik auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse existenziell gesteigert und normativ aufgeladen. Damit wird die Coronapandemie zur Praxisprobe einer Politik, die der Wissenschaft folgen will. Indes zeigt die Aufarbeitung der wissenschaftlichen Politikberatung in der Coronakrise, dass in der Politik und der Öffentlichkeit nur ein Teil des wissenschaftlichen Wissens als legitim anerkannt wurde. Die Wissenschaftsforschung muss diese antipluralistische Polarisierung von Wissenschaften und ihrem Wissen aufklären, wobei sie erstens, die einflussreiche soziale Verbindung von Wissenschaft und Politik sowie, zweitens, den Status des Wissens in einer als vollkommen neu interpretierten Situation in den Fokus nehmen muss. Dazu entwickelt der Beitrag aus der Perspektive einer politikzentrierten Wissenschaftsforschung die These, dass die Polarisierung von Wissen und Wissenschaftlern während der Pandemie in Deutschland durch ein spezifisches kollektives Arrangement bedingt wurde. Diese Verbindung von Akteuren aus Wissenschaft und Politik wurde jedoch nicht durch ein bestimmtes Krisenwissen konstituiert, sondern durch eine gemeinsame Perspektive auf das in der Krise als existenziell verstandene Nichtwissen. Ihre geteilten Nichtwissensstrategien bildeten schließlich ein Nichtwissensregime, welches erst offen war, später jedoch auch aus politischen Gründen sich immer stärker von anderen Positionen distanzierte. Dies bildet die Ursache für die im Laufe der Coronapandemie immer stärker werdenden Abgrenzungen und Polarisierungen wissenschaftlicher Expertisen und politischer Lösungen. Der Beitrag identifiziert in einem ersten Schritt die Rolle des Nichtwissens in der politischen und wissenschaftlichen Bewertung von COVID-19. Im zweiten Schritt wird die Entstehung einer Beratungsstruktur beschrieben, in der epistemische und politische Nichtwissensstrategien miteinander verflochten wurden. Schließlich diskutiert der Beitrag im dritten Schritt kritisch die Folgen dieses Nichtwissensregimes für die Ansprüche einer wissenschaftlichen Politikberatung und wie die Wissenschaftsforschung damit umgehen sollte.



#Selberdenken. Die Beanspruchung epistemischer Autonomie in der Coronakrise.

Sascha Dickel

Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland

Im Kontext der Covid-19-Pandemie wird der Hashtag #selberdenken in sozialen Medien insbesondere von Accounts verwendet, welche die etablierte Deutung der Erkrankung und/oder der zu ihrer Bekämpfung ergriffenen Maßnahmen in Zweifel ziehen. Der affirmative Gebrauch des Hashtags #selberdenken demonstriert sowohl eine kommunikative Beanspruchung individueller epistemischer Autonomie als auch eine Aufforderung an andere, sich ihres Verstandes zu bedienen und dadurch eben jene Autonomie ebenfalls zu erlangen. Dabei steht der Autonomieanspruch, der im #selberdenken verkörpert wird, in einem ambivalenten Verhältnis zur Wissensordnung moderner Gesellschaften. Zum einen werden die Institutionen kritisiert, die in der Moderne hinsichtlich der Produktion und Anwendung von Wissen Deutungs- und Zuständigkeitsmonopole erlangt haben. Zum anderen beruft sich diese Kritik auf das moderne Leitmotiv der Aufklärung, sich seines eigenen Verstandes ohne Anleitung anderer zu bedienen und dies im öffentlichen Diskurs gegenüber einem Publikum zu vertreten. Als epistemische Ressourcen dienen den ‚Selberdenker:innen‘ dabei alternative Interpretationen öffentlicher Daten, die Berufung auf heterodoxe epistemische Autoritäten sowie die Evidenz des Erfahrungswissens. Gegenüber professionellen Expert:innen wird der Vorwurf erhoben, abweichend von deren eigenen professionellen Idealen zu agieren (etwa: von politischen oder ökonomischen Interessen geleitet zu sein). Dem gegenüber wird ein öffentlich räsonierender Skeptizismus gestellt, der sich als Ausdruck individueller Mündigkeit positioniert. Die Herausforderung für die Wissenschaftsforschung besteht nun darin, dass die ‚Selberdenker:innen‘ vordergründig dem Aufruf der kritischen Sozialwissenschaften (von Foucault bis Beck) folgen, professionelle Expertise eigenständig zu hinterfragen. Dabei bedienen sie sich dem (von Habermas bis zu den STS) geforderten Mittel inklusiver öffentlichen Diskurse. Kann sich die Wissenschaftsforschung von dieser Form der Expertenkritik mit theoretischen oder empirischen Werkzeugen distanzieren? Oder muss sie vielmehr ihre eigene normative Position explizieren und reflektieren?



 
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