Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
 
Sitzungsübersicht
Sitzung
Sektion Religionssoziologie: Religionen als Treiber oder Hemmnis von Polarisierung und Radikalisierung
Zeit:
Mittwoch, 28.09.2022:
9:00 - 11:45

Chair der Sitzung: Marc Breuer, Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Chair der Sitzung: Kornelia Sammet, Deutsches Jugendinstitut e.V.
Chair der Sitzung: Alexander Yendell, Universität Leipzig
Ort: X-E0-222


Zeige Hilfe zu 'Vergrößern oder verkleinern Sie den Text der Zusammenfassung' an
Präsentationen
ID: 537 / SektionReli2: 1
Sektion Religionssoziologie

Soziale Bewegung oder religiöser Markt? Mechanismen der Politisierung und Popularisierung evangelikaler Gemeinden auf Twitter

Insa Pruisken1, Thomas Kern1, Josefa Loebell2, Nina Monowski2

1Universität Bremen; 2Universität Bamberg, Deutschland

Mit dem Aufstieg evangelikaler Megakirchen etwa seit den 1990er Jahren hat sich in den USA ein Gemeindetyp herausgebildet, der spirituelles sowie organisationales Wachstum in den Mittelpunkt stellt. Die traditionelle Segregation und der etablierte Denominationalismus amerikanischer Kirchen waren damit in Frage gestellt und sollten – mit Fokus auf Gemeindewachstum – gezielt überwunden werden. Das Ergebnis sind lokale religiöse Märkte, in denen Megakirchen und kleinere Gemeinden um Mitglieder und Besucherinnen konkurrieren (Kern und Pruisken 2018). Mit der zunehmenden "Plattformisierung" der Religion, die durch die Corona-Pandemie an Fahrt aufgenommen hat, wird die Vermarktlichung des Religiösen noch weiter vorangetrieben. Die großen Megakirchen passen ihre Angebote den Plattformen an und steigern damit ihre Reichweite und ihren Einfluss.

Gleichzeitig haben die Wahl Donald Trumps und der Erfolg des "Christlichen Nationalismus" sowie die Mobilisierungserfolge der Black Lives Matter-Bewegung zu einer Politisierung des Evangelikalismus geführt (Gorski 2019, 2020). Insbesondere auf Online-Plattformen wie Twitter haben sich entlang polarisierter Konfliktlinien (Gender, Corona, Migration, Rassismus etc.) kollektive, digitale Identitäten herausgebildet, die sich scheinbar unüberwindbar gegenüberstehen. Dabei nutzen soziale Bewegungsakteure die Plattformen erfolgreich für ihre Kampagnen. Gemeinden, die sich an diesen politischen "culture wars" beteiligen, können zwar möglicherweise ihr Wachstum steigern, machen sich aber zunehmend von politischen Bewegungen abhängig.

Wir vergleichen in diesem Beitrag die religiöse und politische "Einbettung" von 145 protestantischen Gemeinden in Houston sowie Minneapolis/St. Paul auf der Grundlage der Follower-Strukturen der Gemeinden. Mit Methoden der Netzwerkanalyse, Machine Learning und quantitativen Textanalyse arbeiten wir die verschiedenen kollektiven Identitäten heraus, mit denen die untersuchten Gemeinden über ihre Followers verbunden sind. Im zweiten Schritt zeigen wir, wie einerseits die Popularisierung und andererseits die Politisierung des Evangelikalismus mit dem Erfolg (Followers, Retweets) auf Twitter zusammenhängen.



ID: 548 / SektionReli2: 2
Sektion Religionssoziologie

Räumliche Muster islamistischer Radikalisierung. Führen polarisierte Lebenswelten in den Extremismus?

Sebastian Kurtenbach

FH Münster, Deutschland

Studien zu religiös motiviertem Extremismus zeigen eine hohe Bandbreite an individuellen Risikofaktoren sowie spezifische Gruppendynamiken (Emmelkamp et al. 2020, Wolfowicz et al. 2020,). Wenig beachtet ist dabei der räumliche Blick, obwohl es weder Zufall zu sein scheint, wer sich radikalisiert noch wo es passiert. Daher fragt der Beitrag nach den spezifischen räumlichen Konstellationen, welche eine Anfälligkeit für religiös motivierte Radikalisierung begünstigen, um so mögliche Kontexteffekte als erweiterten Analyseansatz zu berücksichtigen. Die zu verfolgende Frage ist dann, ob die zu beobachtende innerstädtische soziale Polarisierung zur Produktion radikalisierender Räume führen.

Im Beitrag werden dafür Erkenntnisse aus der sozialwissenschaftlichen Radikalisierungsforschung mit solchen aus der soziologischen Stadtforschung verknüpft, um daraus ein theoretisches Modell zu kontextuellen Einflüssen auf die Radikalisierungsanfälligkeit abzuleiten (Kurtenbach/Zick 2021). Anschließend werden erste empirische Ergebnisse des Forschungsprojektes „Radikalisierende Räume“ vorgestellt, in welchem der Zusammenhang zwischen Raum und der Anfälligkeit für islamistische Radikalisierung auf Grundlage eines mixed-method Ansatzes untersucht wird. Der Beitrag schließt mit der Reflexion der Ergebnisse hinsichtlich des Zusammenhangs sozialräumlicher Polarisierung und religiös begründeter Radikalisierung sowie einem Ausblick auf weitere zu erwartende Projektergebnisse.

Literatur

Emmelkamp, J., Asscher, J. J., Wissink, I. B., & Stams, G. J. J. M. (2020). Risk factors for (violent) radicalization in juveniles: A multilevel meta-analysis. Aggression and Violent Behavior, 55.

Kurtenbach, S. & Zick, A. (2021). Ein Kontextmodell zur Erklärung von Radikalisierungsanfälligkeit. Bielefeld: Universität Bielefeld.

Wolfowicz, M., Litmanovitz, Y., Weisburd, D., & Hasisi, B. (2020). A Field-Wide Systematic Review and Meta-analysis of Putative Risk and Protective Factors for Radicalization Outcomes. Journal of Quantitative Criminology 36(3), 407-447.



ID: 553 / SektionReli2: 3
Sektion Religionssoziologie

It’s all about Islam? Zur Rolle von Religion und Religiosität in der Hinwendung zu und Distanzierung von radikalislamischen Strömungen

Michaela Glaser1,2

1Frankfurt University of Applied Science, Deutschland; 2Berghof Foundation, Deutschland

Welche Rolle der Islam in islamistischen Radikalisierungen spielt, wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Während die einen eine Islamismuskompatibilität dieser Religion bzw. mancher ihrer Grundannahmen konstatieren, bescheinigen andere islamistischen Auslegungen ein rein instrumentelles Verhältnis zu religiösen Inhalten und verweisen auf deren de-kontextualisierte Verwendung in diesen Ideologien. Strittig ist auch, ob gelebter muslimischer Religiosität evtl. eine protektive Bedeutung zukommt. Mit Verweis auf Einstellungsbefragungen wird argumentiert, dass diese sich nicht als Schutzfaktor gegen extreme Positionen erwiesen hätte. Dem wird – ebenso empiriebasiert – entgegnet, dass Radikalisierte häufiger ‚religiöse Analphabeten‘ seien, was eine präventive Funktion religiösen Wissens und (nicht-extremistischer) religiöser Praxis nahelege.

Eine religionssoziologische Diskussion dieser Fragen hat zu bedenken, dass „Religion“ stets unterschiedliche Dimensionen beinhaltet, die zudem auf verschiedene hier potenziell relevante Dynamiken und Einflussgrößen verweisen. Um diese Dimensionen und ihr Zusammenspiel mit anderen Faktoren in konkreten Radikalisierungsverläufen in den Blick zu bekommen, sind Perspektiven gefragt, die Erfahrungen und Deutungen der Akteure einbeziehen.

Diesen Überlegungen folgend wird der Beitrag der Rolle von ‚Religion‘ und ‚Religiosität‘ in Radikalisierungen aus soziologisch-biografieanalytischer Perspektive nachgehen. Er stützt sich auf Fallrekonstruktionen eines Forschungsprojekts, das Hinwendungen zum und Distanzierungen vom radikalen Islam mittels biografisch-narrativer Interviews untersuchte.

Vorliegende Studien erweiternd, wurden gezielt Biograf*innen aus religiös praktizierenden Familien einbezogen, um diese Fragen auch in transgenerationaler und sozialisatorischer Perspektive zu diskutieren.

Gezeigt werden kann, dass die Bedeutung, die ‚Religion‘ in Radikalisierungsverläufen zukommt, ihr nicht per se anhaftet, sondern sich im Zusammenspiel bestimmter biografischer Erfahrungen mit gesellschaftlichen Konstellationen jeweils entfaltet.



ID: 641 / SektionReli2: 4
Sektion Religionssoziologie

Religion, soziale Identitäten und politische Unterstützung für liberale Demokratien. Befunde des KONID Survey 2019 für Deutschland und die Schweiz

Antonius Liedhegener1, Gert Pickel2, Anastas Odermatt1, Yvonne Jaeckel2

1Universität Luzern, Schweiz; 2Universität Leipzig, Deutschland

Liberale Demokratien scheine unter Druck zu stehen. Identitätspolitik, so eine häufige Vermutung, löst den sozialen Zusammenhalt und die Unterstützung für die Demokratie auf. Insbesondere religiöse Identitäten werden als anfällig für soziale Abgrenzung und spaltende Konflikte angesehen. Die Polarisierung auf der Grundlage sozialer Identitäten scheint sich vom Alltagsleben über die Zivilgesellschaft bis hin zur politischen Gemeinschaft zu erstrecken.

Das von Antonius Liedhegener (Luzern) und Gert Pickel (Leipzig) geleitete DFG/SNF geförderte Forschungsprojekt "Konfigurationen individueller und kollektiver religiöser Identitäten und ihre Potenziale für die Zivilgesellschaft (KONID)" zielte darauf ab, Selbst- und Fremdbeschreibungen sozialer und insbesondere religiöser sozialer Identitäten zu identifizieren und mittels länderspezifischer Befragungen auf ihre Auswirkungen auf gesellschaftlichen Zusammenhalt und soziale Konflikte hin zu untersuchen (https://resic.info/konid-the-quantitative-project/).

Der Beitrag präsentiert zentrale Ergebnisse des Projekts. Die Ergebnisse zeigen eine unabhängige, aber ambivalente Rolle der religiösen Identität. Es ist nicht die Bedeutung der religiösen sozialen Identität als solche, die den sozialen Zusammenhalt und die politische Kultur beeinflusst. Die Auswirkungen lassen sich vielmehr auf bestimmte Typen zurückführen: Eine exklusivistisch-fundamentalistische Ausrichtung der religiösen Identität fördert Vorurteile gegenüber anderen Gruppen und wirkt sich damit negativ auf den sozialen Zusammenhalt und die Unterstützung der Demokratie aus. Ein gemeinschaftsorientierter Stil religiöser Identität wirkt dagegen solchen Vorurteilen entgegen und begünstigt die Religionsfreiheit und die Unterstützung der Demokratie.



ID: 862 / SektionReli2: 5
Sektion Religionssoziologie

Religiöse Überbietung: Konzept, Dimensionen und Paradoxien einer Sonderform religiöser Deutungsmachtkämpfe im Islam am Beispiel des Salafismus

Youssef Dennaoui

RWTH Aachen, Deutschland

Für das religiöse Feld des Islam stellt der Salafismus in seinen zahlreichen Erscheinungsformen (puritanische, politisierte, jihadistische usw.) einen modernen Pol dar, welcher die islamischen Quellen und Diskurstraditionen einer strengen bis radikalen Lesart zu unterziehen sucht. Das Ergebnis ist die Entstehung salafistischer Gruppierungen, die ihre Religiosität nach restriktiven religiösen Regeln und Vorschriften gestalten und untereinander geschlossene Gemeinschaften bilden. Regelmäßige Deutungsmachtkämpfe und -konflikte mit den klassischen Einrichtungen des orthodoxen sunnitischen Islam um die ‚authentische‘ bzw. ‚wahre‘ islamische Haltung/Praxis führen – aufgrund heftiger theologischer Kontroversen – nicht nur zu religiöser Fragmentierung bereits bestehender salafistischer Gruppierungen, sondern auch zu deren Radikalisierung. Dabei spielt, so die Annahme, die Strategie religiöser Überbietung, welche konkurrierende religiöse Pole/Angebote und Gengenpole/Gegenangebote voraussetzt und Polarisierungstendenzen beschleunigt, eine zentrale Rolle. Das Ergebnis ist eine ‚Salafisierung des Islam‘, die weltweit zu beobachten ist und als eine Folge von religiösen Überbietungsprozessen begriffen werden kann.

Der Beitrag wird in einem ersten Schritt am Beispiel Marokkos konkurrierende religiöse Pole im Feld des Islam feldanalytisch herausarbeiten. Währenddessen wird dafür argumentiert, religiöse Übertreibungen (gulluw, mughalat) und Überbietungen (muzawada) seitens salafistischer Strömungen als entscheidende Strategien innerhalb religiöser bzw. theologischer Konkurrenz- und Deutungsmachtkämpfe um den Islam und die Muslime zu begreifen. In einem zweiten Schritt wird dann das theoretische Konzept ‚religiöser Überbietung‘ religionssoziologisch präzisiert, mehrdimensional bestimmt und gesellschaftliche Folgen/Paradoxien, die sich aus religiösen Überbietungspraktiken und -dynamiken ergeben, herausgearbeitet und durch zwei Beispiele veranschaulicht.



 
Impressum · Kontaktadresse:
Datenschutzerklärung · Veranstaltung: DGS Kongress 2022
Conference Software - ConfTool Pro 2.6.145
© 2001–2022 by Dr. H. Weinreich, Hamburg, Germany