Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Sektion Organisationssoziologie: Organisationen in polarisierten Welten
Zeit:
Freitag, 30.09.2022:
9:00 - 11:45

Chair der Sitzung: Nadine Arnold Huber, Vrije Universiteit Amsterdam
Chair der Sitzung: Cristina Besio, Helmut-Schmidt-Universität
Chair der Sitzung: Michael Grothe-Hammer, Norwegian University of Science and Technology
Chair der Sitzung: Uli Meyer, Johannes Kepler Universität
Ort: X-E0-205


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Präsentationen

Fachoberschulen als Vermittler und Beschleuniger polarisierter Welten und Anforderungen

Nadine Dörffer1, Nadine Bernhard2, Christian Imdorf1

1Leibniz Universität Hannover; 2Humboldt-Universität zu Berlin

Mit der zunehmenden Institutionalisierung der Wege über berufliche Schulen an die Hochschule wurde auch angestrebt das für Deutschland charakteristische „Bildungsschisma“ als Polarisierung von allgemeinem und beruflichem Bildungssystem zu verringern. Wir fokussieren in unserem Beitrag die Fachoberschule (FOS) als eine zur Fachhochschulreife führende berufliche Schulform, die nicht nur mit zwei Gruppen von Schüler*innen (mit und ohne berufliche Ausbildung) und ihren unterschiedlichen Bedürfnissen umgehen, sondern auch ihre Schüler*innen gleichermaßen auf ein anschließendes Hochschulstudium als auch auf eine berufliche Ausbildung vorzubereiten muss. Vor dem Hintergrund organisationstheoretischer Annahmen untersuchen wir die Umsetzung institutioneller Vorgaben an Einzelschulen. Diese Annahmen besagen, dass Organisationen in eine institutionelle Umwelt mit pluralen, konfligierenden Anforderungen eingebettet sind, auf die sie auch, um legitim zu bleiben, mit einer Entkopplung der Formal- und Aktivitätsstruktur reagieren können.

Für den Beitrag analysieren wir anhand von rechtlichen Vorgaben und Curricula die für die Schulen geltenden Regelungen, Normen und Standards, wie der Übergang zur Hochschule bzw. in die berufliche Ausbildung gefördert werden sollte. Zudem untersuchen wir, wie in den beruflichen Einzelschulen selbst mit diesen Erwartungen umgegangen wird, welche Praktiken sowie geteilte Vorstellungen zur Förderung eines erfolgreichen Abschlusses und Übergangs bestehen. Dazu analysieren wir problemzentrierte Interviews mit Schulpersonal und Schuldokumente an FOS in Niedersachsen sowie regulative und normative Dokumente mittels qualitativer Inhaltsanalyse.

In unseren Daten zeigt sich eine Varianz im Umgang mit diesen Anforderungen und Bedürfnissen zwischen Einzelschulen, daher vergleichen wir zwei kontrastierende Fälle von FOS: Während an Schule 1 die Vorbereitung auf die Hochschule und die Zuschreibung von Studierfähigkeit vor allem an dem Kriterium der absolvierten beruflichen Ausbildung ausgerichtet ist und die Gruppen in separaten Klassen unterrichtet werden, beschult Schule 2 die Gruppen gemeinsam und ermöglicht somit gegenseitiges Lernen und Austausch. Zwar wird auch hier ein Eintritt in eine berufliche Ausbildung befördert, ein Studium bleibt allerdings eine pädagogisch vorbereitete Option.



Zwischen den Welten. Wie Produktionshäuser der freien darstellenden Künste heterogene Logiken verarbeiten

Julian Stahl

Zeppelin Universität, Deutschland

Produktionshäuser der freien darstellenden Künste (z.B. Kampnagel Hamburg, Hebbel am Ufer Berlin, Hellerau Dresden) sind in doppelter Hinsicht auf Anschlussfähigkeit gegenüber verschiedener Logiken ihrer Umwelten angewiesen. Einerseits setzen sie sich auf inhaltlich-künstlerischer Ebene mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander und sind dazu auf die Zusammenarbeit mit Akteur*innen angewiesen, die unterschiedliche Positionen in „polarisierten Welten“ einnehmen, zum Beispiel Künstler*innen, diverse Communities oder Wissenschaftsinstitutionen. Andererseits nehmen sie auch für die Aufrechterhaltung des künstlerischen Produktionsprozesses Bezug auf wiederum diverse, oft heterogene Logiken wie finanzielle, administrative, politische, technologische, künstlerische oder edukative (Stahl & Tröndle 2018). Das Zusammenspiel von Organisationen im Kulturbereich und ihren Umwelten wird in der Literatur bisher insbesondere mit Blick auf Fragen der Legitimitätssicherung gegenüber Kulturpolitik und Förderinstitutionen untersucht (Fitzgibbon 2019; Kann-Rasmussen 2019). Produktionshäuser eignen sich aufgrund der Notwendigkeit für heterogene Logiken anschlussfähig zu bleiben aber auch als Beispiel für die Untersuchung wie Organisationen mit Blick auf die eigene Organisation zwischen verschiedenen Logiken vermitteln (Apelt et al. 2017).

Der vorgeschlagene Beitrag untersucht auf der Grundlage einer ausführlichen, qualitativen Fallstudie in zwei Produktionshäusern der freien darstellenden Künste die Frage, wie in den beiden Organisationen die Verarbeitung heterogener Logiken organisiert wird. Die Fallstudie basiert auf zwei einmonatigen Phasen teilnehmender Beobachtung und daran anschließenden qualitativen Interviews.

Entgegen der gängigen Beschreibungen des Umgangs mit heterogenen Logiken in Kulturorganisationen, die insbesondere Formen des Konflikts (Kunst vs. Ökonomie) betonen (Auvinen 2001; Barkela 2019), kann aufgezeigt werden, dass in der Vermittlung heterogener Logiken eine spezifische Leistung der Organisation der beiden Produktionshäuser liegt. Dazu arbeitet der Beitrag mit einem systemtheoretischen Verständnis von Organisationen und untersucht die Funktion von spezifischen (Schnitt)Stellen und lose gekoppelten Projekten für die Verarbeitung heterogener Logiken (im Anschluss an Besio and Meyer 2018; Andersen 2020; Stäheli 2018).



Polarisierte Welt des Artenschutzes – Zoologische Gärten zwischen Kritik und ökologischer Integration

Lisa Gromala

Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Spätestens mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie 2020 wurden der Weltgesellschaft die globale Bedeutung des Artenschutzes und die Problematiken des Eindringens des Menschen in tierische Habitate bewusst. Zwar existieren bereits seit kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs internationale Netzwerke und Organisationen zum Schutz bedrohter Arten, jedoch kennzeichnet das Governance-Regime der Umwelt- und Artenschutzbewegung ein Fehlen alltäglicher und öffentlich zugänglicher Organisationen auf einer Mesoebene (insbesondere in Deutschland). Bemühungen finden entweder vereinzelt regional, in Form von Informationsständen und Artenschutzbemühungen, international in Form globaler Artenschutzprojekte, digital in Form medialer Artenschutzdebatten oder an Orten internationaler Vereinigungen wie der UN statt, die der Öffentlichkeit jedoch schwer zugänglich sind. Bezogen auf Bemühungen zum Artenschutz erschwert dies öffentliche Aufklärungsarbeit sowie den Zugang zum Feld des Artenschutzes.

Eine Organisation die sich als potentielle öffentliche Anlaufstelle anbietet, ist der Zoologische Garten. Aufgrund ihrer guten kommunalen wie auch internationalen Einbindung (bspw. in globale Umweltschutzinitiativen bzw. -netzwerke) und ihren, selbst proklamierten, Fokus auf Artenschutz, Bildung und Wissenschaft stellen sie potentielle Schnittstellenakteure dar und verstehen sich zunehmend als solche. Über ihren Weltverband, die WAZA, sehen sie sich der Agenda 2030 verpflichtet und betreiben mit Zooschulen Einrichtungen zur Umwelt- und Artenschutzbildung. Gleichzeitig stellen Zoologische Gärten aufgrund der Gefangenschaftshaltung von Tieren, Ökonomisierung sowie ihrer (post-)kolonialen Vergangenheit und Gegenwart ambivalente und polarisierende Akteure dar.

Der Vortrag widmet sich der Organisation Zoologischer Garten im Governance-Regime des Artenschutzes, in der sich das ambivalente gesellschaftliche Verhältnis zum Artenschutz und damit die ungelösten, da gesellschaftlich nicht konsequent diskutierten, Konflikte über Tierhaltung, Artenschutz sowie die Passungsprobleme des Neoliberalismus mit den Werten des Artenschutzes widerspiegeln.



Bipolare Spannungsbearbeitung und Emotionsregimes: Wie Organisationen im Sozialsektor inkompatible institutionelle Logiken einfangen und doch zuspitzen

Ingo Bode1, Sarina Parschick1, Sigrid Betzelt2, Andreas Albert2

1Universität Kassel, Institut für Sozialwesen; 2Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, Deutschland

In der auf das Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswesens bezogenen Organisationsforschung gibt es bereits seit längerem eine Debatte darüber, (in)wie(weit) hier tätige Einrichtungen sich an inkompatiblen Leistungserwartungen abarbeiten und was daraus folgt. Im Rekurs auf neo-institutionalistische oder systemtheoretische Beschreibungen wird beobachtet, dass sich solche Organisationen zwischen mehreren Polen bewegen, welche durch Umweltnormen einerseits, Ressourcenabhängigkeiten andererseits „programmiert“ sind. Im Zentrum steht dabei die Erfahrung einer spezifischen Bipolarität: Der Sozialsektor erhält gesellschaftliche Integrations- und Versorgungsaufträge, die – wenigstens deklaratorisch – mit der Erwartung einer effektiven Erfüllung von Sachzielen verbunden sind, welche auch Bewertungsschemata der in ihm tätigen professionellen Organisationen prägen. Gleichzeitig beeinflussen an zweckindifferenten Formalzielen orientierte Bewertungskategorien aus der Erwerbswirtschaft die Art und Weise, wie sich diese Organisationen legitimieren bzw. reproduzieren. Es gilt, mit begrenzten, zumeist wettbewerblich vergebenen Ressourcen externe und interne Erwartungen bestmöglich und nachweislich zu bedienen. Gefragt ist permanent Spannungsbearbeitung, wie bereits vielfach aufgezeigt wurde. Eher unterbelichtet ist die emotionale Dimension dieses Prozesses, jenseits der auf Mikro-Ebene ansetzenden Studien zur Interaktionsarbeit. Wie Theorien zum Verhältnis von Emotion und Organisation nahelegen, sind jedoch „Gefühlsfragen“ für die organisationale Prozessierung der o.g. Bi-Polarität hochrelevant. Der Beitrag zeigt im Rekurs auf Fallstudien zu Weiterbildungs- und Pflegeeinrichtungen, wie hier Spannungsbearbeitung durch „Emotionsregimes“ moderiert wird, bei denen es nicht nur um die Gefühlsarbeit von Mitgliedern geht, sondern auch um emotional vermitteltes Selbstregieren sowie Gefühlsmanagement „von oben“. Diese Regimes können die bipolar geprägten Leistungserwartungen einfangen, also funktional entschärfen, jedoch immer auch die Zuspitzung bestehender Spannungen provozieren und bestehende Leistungserwartungen organi-sationsin- wie -extern verunsichern. Erkenntnisse zu dieser Dynamik bereichern die soziologische Diskussion zum Wechselverhältnis von Organisation und Gesellschaft wie auch das Verständnis organisationaler Vermittlungsleistungen in Zeiten sozialer Polarisierung.



Die Globalisierung lokaler Organisationen: Krankenhäuser und Polarisierungen im Medizintourismus

Christopher Dorn

Universität Bielefeld

Bei Organisationen mit polarisierender Kraft denkt man womöglich nicht zuerst an Krankenhäuser, erscheinen sie doch als allgemein befürworteter Organisationtyp. Da Krankenhäuser aber stets unterschiedliche gesellschaftliche Logiken miteinander vermitteln müssen, entstehen auch hier vielfältige Polarisierungspotentiale. Diese ergeben sich einerseits daraus, wie dem organisationalen Zielkonflikt zwischen medizinischen Möglichkeiten und finanziellen Erwägungen begegnet wird. Andererseits ist die Krankenbehandlung in vielerlei Hinsicht lokal verankert, so dass erkrankte Personen nicht global nach Alternativen suchen können. Entsprechende Polarisierungen lassen sich exemplarisch an den USA beobachten, wo sie sich in Form starker sozialer Ungleichheiten hinsichtlich der Zugänglichkeit als auch der verfügbaren Qualität von Krankenhausbehandlungen äußern.

Mittlerweile hat sich hier aber ein Markt für Medizintourismus entwickelt, der an diesen Polarisierungen ansetzt und sie zur Grundlage einer globalen Orientierung der teilnehmenden Krankenhäuser macht. Dabei reist die erkrankte Person in ein ausländisches Krankenhaus, das eine entsprechende Behandlung zu weitaus geringerem Preis als in den USA anbietet. Allerdings müssen diese Krankenhäuser und mit ihnen verbundene Akkreditierungs- und Tourismusorganisationen wiederum selbst mit den Folgen dieser Polarisierungen umgehen. Denn obwohl globale ökonomische Polarisierungen eine Preisreduktionen in den Zielländern erst ermöglichen, verändern sie auch die Wahrnehmung des Verhältnisses von medizinischer Qualität und Behandlungskosten, so dass die geringen Preise auch eine geringwertige medizinische Leistung erwarten lassen. Zudem müssen die Krankenhäuser kulturelle Polarisierungen überwinden, aufgrund derer die empfangende Organisation aber auch die lokale Medizin-, Rechts- und Alltagskultur als fremd erfahren werden.

Insgesamt erörtere ich, wie die teilnehmenden Krankenhäuser mit diesen Polarisierungen umgehen, welche Rolle Akkreditierungs- und Tourismusagenturen dabei spielen und inwieweit sie mit ihrer globalen Orientierung wiederum Polarisierungen in ihren lokalen Kontexten erzeugen bzw. verstärken. Damit leistet der Vortrag einen Beitrag zum Verständnis dessen, wie Organisationen verschiedene weltgesellschaftliche Polarisierungen produktiv aufnehmen und abmildern können, diese aber zugleich auch perpetuieren.



 
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