Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Sektion Medien- und Kommunikationssoziologie/Wissenschafts- und Technikforschung: Polarisierte Zukünfte? Zur Konstruktion, Kommunikation und Konstitution polarisierter und polarisierender Zukunftserwartungen
Zeit:
Mittwoch, 28.09.2022:
9:00 - 11:45

Chair der Sitzung: Sascha Dickel, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Chair der Sitzung: Udo Göttlich, Zeppelin Universität gemeinnützige GmbH
Chair der Sitzung: Jan-Felix Schrape, Universität Stuttgart
Ort: Y-1-201


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Präsentationen

Transformation oder Untergang? – Polarisierung in den Zukunftsnarrativen der neuen Klimabewegungen in Deutschland und den USA

Christopher Pavenstädt

Universität Hamburg, Deutschland

Ob Fridays for Future, Extinction Rebellion oder Sunrise Movement – eine mehr oder wenige vage Zukunftserwartung steckt bereits im Namen der neuen Klimabewegungen. Öffentlich kommunizierte Klimazukünfte bieten Deutungsangebote für mögliche Transformationspfade, Verantwortlichkeiten und Lösungen. Die vergangenen Jahre verzeichneten einen markanten Anstieg in der Relevanz zivilgesellschaftlicher Stimmen im Diskurs um Klimapolitik. Klimabewegungen als Propheten einer werdenden Zukunft (Melucci 1999) rücken daher als Kernakteure neu formulierter Zukunftsentwürfe in den Blick. Während es bereits Forschung zu Frames und Narrativen der Klimabewegungen gibt, fehlen vergleichende Studien zu den verschiedenen Formen von Zukunftskonstruktionen innerhalb der Klimabewegung, welche zudem vor dem Hintergrund einer häufig beklagten Polarisierung klimapolitischer Diskurse (van Eck & Feindt 2021) eben diese Polarisierung als Strukturmerkmal des Bewegungsdiskurses stärker in den Fokus nehmen.

Dieser Vortrag basiert auf einer vergleichenden Narrativanalyse der öffentlichen Kommunikation sowie der Nennung in Medienartikeln der o.g. Gruppen in Deutschland und den USA im Jahr 2019. Ziel dieser Analyse ist es zu identifizieren, welche Klimazukünfte entworfen werden und in diese Problemdefinitionen, Lösungen sowie Verantwortlichkeitszuschreibungen eingewoben werden, und zweitens, welche Arten von Polarisierung und Abstufungen dabei genutzt werden und wie entworfene Klimazukünfte die Subjektposition und Rolle der Bewegung wie anderer Akteure zu ordnen versuchen (Haunss & Zajak 2021). Es zeigt sich dabei, dass in der Kommunikation ein starker Fokus auf der Abwendung negativer Zukünfte besteht, welche vor allem durch den Rückbezug auf wissenschaftliche Zukunftsentwürfe, allen voran des Weltklimarats IPCC, gerechtfertigt werden. Implizite positive Zukunftserwartungen wie auch konkrete sozial-ökologische Zukunftsmodelle werden selten thematisiert und sind nur schwach konturiert, im Gegensatz zu möglichen negativen Zukünften.

Abschließend wird auf die Frage eingegangen, welcher strategischen Logik die kommunikative Praxis folgt. Dabei wird auf die Entwicklung der Bewegungskommunikation seit 2019 eingegangen: Einerseits lässt sich beobachten, dass zuvor klare Deadlines aufgeweicht werden, andererseits wird auf Basis unumkehrbarer Kipppunkte mobilisiert und anhand neuer Achsen polarisiert.



„Daß dies zu etwas Gutem führt, kann niemand sich vorstellen“ – Die dystopischen Zukünfte der Reproduktionsmedizin und der Aufstieg der Bioethik

Philipp Zeltner

TU Chemnitz, Deutschland

Fortschritte auf dem Terrain der Gen- und Reproduktionstechnologien werden regelmäßig von öffentlichen Deutungskämpfen flankiert, in denen Zukunftsbezüge in Gestalt technologischer Utopien und Dystopien sowohl als (polarisierter) Gegenstand wie auch als (polarisierendes) Mittel der Auseinandersetzung Konjunktur haben – vom Unsterblichkeitsversprechen auf der einen bis zum Untergang der Menschheit auf der anderen Seite.

Besonders drastisch zeigten sich solche Zukunftsvisionen in den Debatten um die In-vitro-Fertilisation (IVF), die in den 1980er Jahren in der BRD geführt wurden. Deren Rekonstruktion zeigt, wie und mithilfe welcher Narrative, Metaphern und literarischen Referenzen die – vor allem dystopischen – Zukunftsszenarien produziert wurden, die in den Massenmedien zirkulierten. Zudem wird gezeigt, wie die Zukunftsszenarien mit der Bestimmung dessen zusammenfallen, was die Technologien in der öffentlichen Wahrnehmung ‚sind‘. So wurde die IVF wahlweise als ein bloßes technisches Mittel der Behandlung von Unfruchtbarkeit und damit als Chance für ungewollt kinderlose Paare verhandelt oder als ‚Schlüsseltechnologie‘ einer gezielten Manipulation des menschlichen Erbguts mit dem dystopischen Ziel der Menschenzüchtung.

Anschließend wird herausgearbeitet, welche Konsequenzen diese „gegenwärtigen Zukünfte“ hatten, wie sie also die „zukünftige Gegenwart“ geprägt haben. Hier wird aus dem Bündel rekonstruierbarer Folgen dieser Auseinandersetzungen um die technologischen Zukünfte vor allem eine Konsequenz herausgegriffen, die im Zusammenhang mit der weiteren Produktion und Zirkulation von Zukunftsszenarien zentral ist. Denn neben der Etablierung einer im internationalen Vergleich restriktiven Rechtsordnung in der BRD und einer Reihe strategischer Anpassungen im technischen Design der IVF trugen diese Auseinandersetzungen wesentlich zur Institutionalisierung einer professionellen Bioethik in der BRD bei. Als Reaktion auf die Verschränkung kultur- und kapitalismuskritischer Dystopien in den massenmedialen Debatten etablierte sich diese Bioethik als genuin staatlich-wissenschaftliche Instanz der Entwicklung und Bewertung von Zukünften, die qua Rationalisierung dem unkontrollierten „Wuchern der Diskurse“ über die technologische Zukunft Einhalt gebieten sollte.



Die ‚Woke‘ als Avantgardistin der Post-Postmoderne – Zeitliche Divergenzen in identitätspolitischer Literatur

Marlene Müller-Brandeck

Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland

Es gibt wohl kaum ein Genre, welches sich momentan größerer Beliebtheit erfreut als das breite Spektrum von Identitäts(politischer)literatur. Sie verhandelt identitätspolitische Stoffe (wie Rassismus, Sexismus oder Klassismus) changierend zwischen Sachbuch, Ratgeber und (Auto)Fiktion. Identitätspolitische Literatur enthält die Opposition der ‚woken‘, der erweckten Schreibenden, die in ihren Büchern gesellschaftliche Diskriminierungsstrukturen anprangern. Ihnen gegenüber stehen die Lesenden, die diesen Erkenntnisprozess noch nicht durchlaufen haben und deswegen die Realität noch verkennen. Es wird erkennbar, dass diese Polarisierung nicht bloß von einer inhaltlichen, sondern vor allem von einer zeitlichen Diskrepanz geprägt ist, in der die Autor:innen eine Entwicklung bereits abgeschlossen haben, die den Lesenden noch bevor steht. Diese zeitliche Diskrepanz trägt Motive der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in sich, in dem sie Superiorität temporalisiert, ein lineares Fortschreiten suggeriert und den weniger Entwickelten zugesteht, ‚noch‘ in einer anderen Zeit zu leben. Diese Diagnose bricht mit zwei wesentlichen Annahmen, die mit der Denkfigur der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in Verbindung stehen: Die Denkfigur wurde als Ausdruck eurozentristischen Denkens kritisiert, weil sie die Superiorität Europas gegenüber der „dritten Welt“ behauptete und mit dem paternalistischen Hinweis auf deren „Entwicklungsfähigkeit“ versah.

In identitätspolitischer Literatur funktioniert die Figur in umgekehrter Richtung: Es sind die Kritiker:innen des Eurozentrismus, die den Weg in eine neue Zukunft beschritten haben, während deren Anhänger:innen zurückbleiben. Außerdem wendet sich diese Diagnose gegen die postmoderne „neue Unübersichtlichkeit“, in der sowohl Zukunft als auch zeitlicher Verlauf verloren sind und sich keine Dauerhaftigkeit zeitlicher Strukturen erkennen lässt. Denn die identitätspolitische Kritik kann als eine Abwendung von der Postmoderne verstanden werden: Die ‚Woke‘, die Erweckte, ist eine post-postmoderne Avantgardistin, die als eine Nachfolgerin des „Pioniers, des Schrittmachers, des Innovators“ gelesen werden kann, gegen den sie sich zwar inhaltlich richtet, obwohl sie, genau wie er, eine Zeitenwende einläutet und zum Fortschritt aufruft.



„Ich bin Dein und nicht Dein“ oder: Wie Liebe mit Betriebssystemen (nicht) funktioniert. Eine soziologische Betrachtung des Zukunftsentwurfs im Film „Her“.

Holger Herma, Sascha Oswald

Stiftung Universität Hildesheim, Deutschland

Der Spielfilm „Her“ (2013, Regie: Spike Jonze) antizipiert eine nahe Zukunft, in der romantische Bindungen zwischen Menschen und künstlicher Intelligenz möglich sind. Die gezeigte Liebesbeziehung zwischen den Figuren „Theodor“ (ein Mensch) und „Samantha“ (ein Betriebssystem) rückt der Film weder in die Nähe eines einseitigen, gar pathologischen Verhältnisses, noch in die einer abstrusen Zukunftsfantasie. Erspielt aber mit der Möglichkeit, dass eine KI Bewusstsein besitzt, Gefühle entwickelt und Liebe erwidert. Die Filmfiktion öffnet einen Frageraum zu polarisierenden Zukunftserwartungen:

Was macht Menschsein und menschliches Handeln aus? Kann dies zukünftig von KIs ersetzt oder adaptiert werden? Könnten bzw. sollten daraus auch intime Beziehungen resultieren? Ist dies wünschenswerte Utopie oder zu vermeidende Dystopie? Die Position des Films hierzu ist die eines weitestgehend neutralen Beobachters.

Unser Vortrag fokussiert folgende Punkte: Wie authentifiziert der Film das Gelingen romantischer Intimität zwischen Mensch und KI? Hierzu bedienen wir uns einerseits Luhmanns (1982) systemtheoretischem Ansatz zu Liebe als Kommunikationscode, andererseits der stark phänomenologisch ausgerichteten Resonanztheorie nach Rosa (2016). Hierdurch nehmen wir sowohl die körperlich-praktische als auch die kommunikativ-symbolische Seite romantischer Liebe in Augenschein. Mithilfe dieser Doppelperspektive erarbeiten wir, auf welche Gelingens- und Misslingensbedingungen der Film rekurriert, um das Entstehen und Scheitern der gezeigten Beziehung zu plausibilisieren. Wir zeigen, wie Samantha als Wesen inszeniert wird, das weder menschlich noch künstlich ist, zugleich, worin der Film sowohl die Verheißung als auch das Unheimliche einer intimen Beziehung zu einer KI identifiziert.

Schließlich: Welchen Schluss zieht der Film daraus normativ als auch prognostisch? Wie inspiriert er soziologische Fragestellungen für die Zukunft menschlicher (Nah-)Beziehungen sowohl mit Blick auf Beziehungserwartungen als auch auf praktische Beziehungsentwürfe? „Her“ ist seiner Zeit unstrittig voraus, eine KI mit (Selbst-)Bewusstsein existiert noch nicht. Der Vortrag zeigt aber, wie der Film davon ausgehend die Liebe der Zukunft abseits einer scharfen Polarisierung imaginiert und die zunächst maximal oppositionelle Natur der Beziehung (Mensch vs Nicht-Mensch, Subjekt vs Objekt) aufzulösen vermag.



Doing Future. Human Enhancement als fiktionaler Zukunftsentwurf in digitalen Spielen.

Marcel Woznica

Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland

Einen besonderen Einblick in polarisierte Zukünfte bieten digitale Spiele. Ob in postapokalyptischen Szenarien, in Utopien oder fiktionalen Zukunftsentwürfen: Mit Hilfe soziotechnischer Arrangements (Bildschirm, Computer, Tastatur, usw.) ist es Spieler:innen möglich, in andere Welten einzugreifen und – anders als beim Schauen eines Filmes oder beim Lesen eines Buches – das Geschehen in der Umwelt des Spiels zu beeinflussen. Dabei greifen Spieler:innen auf habitualisiertes Körperwissen zurück: (Körper)Bewegungen müssen eingeübt, Steuerungen verinnerlicht und Infrastrukturen angepasst werden, um bestimmte Aktionen (Bewegung der Spielfigur, Nutzung des Interfaces) durchführen zu können.

Vor diesem Hintergrund sind jene Spielwelten von Interesse, in denen Körpermodifikationen Teil eines fiktionalen Zukunftsentwurfes sind: Nicht nur verinnerlichen Spieler:innen hier die Spielpraxis an sich, vielmehr spielen die Nutzer:innen modifizierte Körper und erweitern durch zahlreiche Übungssequenzen ihr Körperschema (Witting 2007). In diesem Sinne konstituieren digitale Spiele, in denen Human Enhancement Technologien verhandelt werden, eine ‚doppelte Erweiterung des Körperschemas‘, da auch der Körper der Spielfigur als modifiziert und ‚erweitert‘ erscheint.

Ausgangspunkt für den vorliegenden Beitrag ist es, Spiel zum einen als Teil von Kultur, zum anderen als Gestaltungsmöglichkeit für Kultur zu verstehen (vgl. Caillois, Huizinga). Es soll gezeigt werden, inwiefern die Spielpraxis im Rahmen der o.g. digitalen Spiele als präferierte Aktivität verstanden werden kann, in der Alternativen, Fiktionen und potenzielle Zukünfte nicht nur zugänglich, sondern erfahrbar gemacht werden können. Der Beitrag untersucht, wie fiktionale Zukunftserwartungen in digitalen Spielen konstruiert werden, durch welche soziotechnischen Bedingungen die Spielpraxis vorausgesetzt ist und wie polarisierte, fiktionale Zukünfte spielend prozessiert werden. Die These des Beitrages ist, dass die Spielpraxis zwischen zwei Modi – dem der Verzukünftigung (un/doing future) und dem der Fiktionalisierung (un/doing fiction) – oszilliert und digitale Spiele als ein „play with the future“ (Friedman 1995) verstanden werden können.



 
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