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Sitzungsübersicht
Sitzung
Sektion Kultursoziologie: Postkoloniale Perspektiven in der Kultursoziologie
Zeit:
Dienstag, 27.09.2022:
14:15 - 17:00

Chair der Sitzung: Heike Delitz, Universität Bamberg
Chair der Sitzung: Lars Gertenbach, Universität Osnabrück
Chair der Sitzung: Marius Meinhof, Universität Bielefeld
Ort: UHG H9


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Präsentationen
ID: 254 / SektionKult1: 1
Sektion Kultursoziologie

Herausforderungen einer postkolonialen Soziologie der Wissensproduktion

Meta Cramer

Albert-Ludwigs Universität Freiburg, Deutschland

In meinem Vortrag möchte ich die Möglichkeiten, post- und dekoloniale Impulse für eine kultursoziologische Analyse akademischer Wissensproduktion fruchtbar zu machen, diskutieren und anhand einer Fallstudie illustrieren, wie sich Neuverhandlungen kanonischer Werke untersuchen lassen.

Nachdem in den 1980er Jahren Literatur- und Geschichtswissenschaftler:innen eine postkoloniale Kritik an eurozentrischer Wissensproduktion formulierten, wurde diese kaum soziologisch und empirisch überprüft. Jenseits von text-basierten, ideengeschichtlichen und epistemischen Analysen, bieten sich insbesondere die kulturellen Praktiken von Wissensproduktion, wie zum Beispiel alltägliche Arbeitsroutinen, kulturelle Verhaltensmuster und -erwartungen auf Konferenzen etc. dafür an, globale Machtasymmetrien und postkoloniale Vermächtnisse zu untersuchen. Diese Perspektive auf Wissensproduktion, die kultursoziologisch informiert Praktiken, statt Texte wie Publikationen etc., untersucht, stellt einen wertvollen Zugang dar, die oft makro-soziologischen und epistemischen postkolonialen Kritiken empirisch zu operationalisieren.

Anhand des Fallbeispiels englisch-sprachiger karibischer Sozialwissenschaften und ihrer Entwicklung seit der Nachkriegszeit soll demonstriert werden, welche Impulse die postkoloniale Theorie für kultursoziologisch informierte Arbeiten zu Wissensproduktion bieten kann. Neben den in der Kulturtheorie populären Beiträgen von F. Fanon, A. Césaire, S. Hall oder P. Gilroy aus der französischen Karibik und englischen Diaspora, fand lokal in der anglophonen Karibik in der Nachkriegszeit – auf Jamaika, Barbados und Trinidad& Tobago - eine Neu-Verhandlung des sozialwissenschaftlichen Kanons und des disziplinären Wissens über die Karibik statt, die bisher kaum untersucht wurde.

In meinem Beitrag möchte ich vorstellen, wie dieser multilinguale und transnationale Raum der Wissensproduktion anhand von Alltagspraktiken von Forscher:innen untersucht werden kann und welche Impulse dies für die empirische Kultursoziologie bietet.



ID: 257 / SektionKult1: 2
Sektion Kultursoziologie

Überlegungen zur Provinzialisierung des Heteronomieproblems der Moderne

Dominik Schrage

TU Dresden, Deutschland

Der Postkolonialismus übt Kritik an einem eurozentrischen Moderne-Konzept, welches die Moderne als ein ausschließlich westlich-europäisches Projekt darstellt. Das eurozentrische Moderne-Konzept führe dazu, dass die koloniale Verflechtungsgeschichte ausgeblendet wird, so dass die Formierung der modernen Gesellschaft als ein genuin europäischer Prozess erscheint und die koloniale Dominanz nicht reflektiert wird. Diese Dominanz wird dann als epistemische Gewalt kritisiert.

Diese Kritik soll exemplarisch an Webers Kulturvergleich bezüglich der Rationalisierung ("Vorbemerkung zur Religionssoziologie") diskutiert werden. Die koloniale Verflechtungsgeschichte wird hier in der Tat nicht berücksichtigt, was v.a. an seiner religionssoziologischen Perspektive liegt. Gegenübergestellt werden religiös fundierte Entitäten, von denen die europäische den Sonderfall darstellt, in dem die Moderne entsteht. Indes zielte Weber auch gar nicht auf eine Entwicklungsgeschichte der modernen Gesellschaft, sondern auf einen kontrastierenden Vergleich, um die „Entstehungsgründe“ des modernen Kapitalismus (in Europa), die ihn tragenden Dispositionen sowie die widersprüchlichen Folgen einer selbstläufig werdenden Rationalisierung abzuschätzen. Der Problembezug liegt hierbei auf einer historisch situierten Erfahrung europäischer Intellektueller, die ich „Heteronomieproblematik“ nenne: Es ist dies die Erfahrung der Konfrontation mit einer selbstläufigen, anonymen und latent bedrohlichen Modernisierungsdynamik. Wird die Moderne auf der Folie dieser Problematik diskutiert, geht es um die Erfahrung der Fremdbestimmung durch systemhafte Prozesse. Sie ist, so meine These, für die Formierung des Moderne-Denkens im 20. Jahrhundert zentral, zugleich aber auch historisch situiert.

Ausgehend von Chakrabartys Konzept der „Provinzialisierung Europas“ sollen einige Überlegungen zur „Provinzialisierung“ der für viele (ältere) Kultursoziologien zentralen Heteronomieproblematik in der Moderne angestellt werden. Inwieweit unterliegt auch diese kritische Sicht auf die Moderne der postkolonialistischen Kritik, insofern sie den „Fortschritt“ als europäisch und unaufhaltsam deutet? Wie lässt sich die – historisch situierte – Erfahrung der Heteronomieproblematik mit – ebenfalls situierten – Erfahrungen der europäischen Dominanz zusammendenken, um ein umfassenderes Bild einer globalen Moderne zu erlangen?



ID: 753 / SektionKult1: 3
Sektion Kultursoziologie

Postkoloniale Konstruktionen des Selbst? Eine Diskussion am Beispiel biographischer Erzählungen südindischer Frauen

Janna Vogl

Bauhaus-Universität Weimar, Deutschland

Beschreibungen von Identitätsbildungen in postkolonialen Kontexten stießen immer auf die Schwierigkeit, die Bezogenheit auf (post)koloniale Situationen und auf etablierte kulturelle Muster zusammen zu denken. Ein Verständnis von Kulturen und Identitäten als „hybride“, „fluide“ oder durch „Übersetzung“ geprägt zielt darauf, dieses Zusammendenken zu organisieren. Allerdings richtet sich auch gegen diese Ansätze der Vorwurf, dass lokale Differenzen und soziale Ungleichheiten sowie ihre Geschichten überblendet werden zugunsten der Fokussierung auf (post)koloniale Hierarchien. Auch die spezifischen kultursoziologischen Theoriebezüge, die die Postkolonialismus-Debatte prägen, sind mitunter für solche Verkürzungen verantwortlich – ein Beispiel ist die Dominanz eines ‚starken‘ Diskursbegriffes, der dazu verleitet, abweichende Muster ausschließlich als Gegenentwürfe zu denken.

Vor diesem Hintergrund beziehe ich mich in meinem Beitrag auf eigene Forschungen zu Frauenrechts-NGOs in Tamil Nadu, Südindien, in deren Rahmen ich biographische Interviews mit Frauen aus den „Zielgruppen“ geführt habe. Mich interessiert, ob durch die NGOs neu auftauchende Muster der Selbst-Thematisierung, wie z.B. „(self-)empowerment“, für die Frauen bedeutsam werden. Im Beitrag zeige ich, dass sich mit Rückgriff auf etablierte kultursoziologische Positionen die ‚Fluidität‘, die durch die lokalen Frauenrechts-NGOs entsteht, genauer beschreiben lässt und ihre Grenzen aufgezeigt werden können: Muster der Selbst-Thematisierung werden für einzelne Frauen relevant, wenn es ein soziales Umfeld gibt, in dem diese Muster plausibel werden (z.B. historisch im südindischen Kontext; im Alltag der Frauen; im Rahmen der NGOs).

Insgesamt entwickelt der Beitrag erste Ideen, wie postkoloniale Theorien und etablierte kultursoziologische Perspektiven rund um die Themen ‚Identität‘ und ‚Biographie‘ sich gegenseitig bereichern können.



ID: 1021 / SektionKult1: 4
Sektion Kultursoziologie

Postkoloniales Denken und die soziologische Erforschung visueller Kultur

Sebastian Lemme

Universität Göttingen, Deutschland

Der Einfluss postkolonialer Kritik auf zahlreiche sozial- und geisteswissenschaftliche Diskurse und Forschungsfelder oder auf verschiedenste Bereiche von Wissens- und Kulturproduktion kann inzwischen kaum noch bestritten werden. Auch für die Kultursoziologie gilt es, postkoloniale Perspektiven in Zukunft noch stärker einzubeziehen und die Etablierung einer dritten, sozialwissenschaftlichen Welle postkolonialen Denkens, wie u.a. von Julian Go in 'Postcolonial Thought and Social Theory' (2016) vorgeschlagen wurde, möglich zu machen. Im Kongressbeitrag möchte ich hierzu auf ein Forschungsfeld eingehen, das deutlich von einer Bezugnahme auf postkoloniale Ansätze profitieren kann und dem in dieser Hinsicht bislang noch recht wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde: der soziologischen Erforschung visueller Kultur. Postkoloniale Theoriearbeit, das lässt sich auch hier sehr gut aufzeigen, hält dabei nicht nur Themenerweiterungen bereit, sondern ermöglicht eine wichtige Neukonzeption bestimmter Forschungsfragen. Durch die Einbeziehung postkolonialer Ansätze kann es beispielsweise gelingen, eine systematische, historisierende Analyse von vorfindbaren Dualismen in visuellen Diskursen zu realisieren. Kultursoziologisch relevante Fragen nach dominanten Deutungsmustern und kulturalisierter Differenz im Feld des Visuellen lassen sich dann nicht nur einseitig in Richtung der Darstellung bzw. Stereotypisierung der ‚Anderen‘ beantworten. Vielmehr wird ebenfalls auf die Konstruktionshaftigkeit des Eigenen und die entsprechenden Selbstbilder in der Analyse fokussiert und auch Repräsentationen der Mehrfachzugehörigkeit oder der bildhaften Verortung eines ‚Dazwischen‘ lassen sich analytisch erfassen und einordnen. Anhand von Ergebnissen meiner empirischen Untersuchung zu Selbst- und Fremdbildern in der visuellen Medienberichterstattung über Migration und Flucht können die Potentiale postkolonialer Konzepte für dieses Forschungsfeld exemplarisch aufgezeigt werden. Im Anschluss lässt sich zudem diskutieren, wie eine produktive Verbindung kultursoziologischer Forschungsperspektiven und postkolonialer Kritik im Bereich von Wissensproduktion und -vermittlung durch visuelle Kultur ausgestaltet werden könnte.



 
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