Veranstaltungsprogramm
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P 29: #Kommunikation - Unbewusste Affekte und populistische Muster in der journalistischen Kommunikation. Analysen und Interventionen
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Unbewusste Affekte und populistische Muster in der journalistischen Kommunikation. Analysen und Interventionen Die Vorträge diskutieren, wie sich destruktive Affekte des gesellschaftlichen Diskurses latent oder manifest in journalistischen Beiträgen und der digitalen Anschlusskommunikation nieder-schlagen. Unbeabsichtigt werden solche Affekte durch journalistische Beiträge evoziert, die populistische Muster unbemerkt und unbewusst reproduzieren. Was latent im journalistischen Ausgangsbeitrag angelegt ist, wird in den Kommentarbereichen oft explizit, so ein Ergebnis der Studie. Auch darum erscheinen sie als emotionale Räume. Dies sorgt für Ernüchterung bei Journalist:innen (vgl. Reimer et al. 2021), die es kaum vermögen, polarisierende oder hasserfüllte Botschaften einzuschränken. Der Anspruch auf einen rationalen deliberativen Diskurs kann nicht erfüllt werden (Habermas 1981). Neuere Ansätze integrieren Affekte als eine Ebene der Bedeutungserzeugung (vgl. Lünenborg 2020). Die Untersuchung knüpft an Konzepte der Öffentlichkeit an, die Affekt und Dissens als Elemente des demokratischen Diskurses integrieren (vgl. Mouffe 2020). Partizipation und Dialog gelten als entscheidend für das Vertrauen des Publikums in den Journalismus (vgl. Uth 2024, S. 399). Modelle für Moderationen empfehlen deshalb beispiels-weise empathische Interventionen in Kommentarbereichen (vgl. z. B. Ziegele/Heinbach 2021). Die Vorträge dieses Panels stellen einen neuen Zugang zum Erfassen und zur Analyse latenter Affekte in journalistischen Beiträgen vor. Sie nutzen das Szenische Verstehen nach A. Lorenzer (1986), ein tiefenhermeneutisches Interpretationsverfahren, das auch die latente Sinnebene und die Dynamik des unbewussten Affektgeschehens erfasst (Herrmann 2023). Interventionen auf dieser Basis bieten eine sinnvolle Erweiterung bisheriger Konzepte und Faktenchecks. Ein historischer Exkurs zeigt, wie diese latenten Muster in manifester Form von Nationalso-zialisten in die Lokalpresse der Weimarer Republik gespielt wurden. Sie adressierten bewusst die damit verknüpften Affekte, um ihre Ideologie und Propaganda in der lokalen Berichterstat-tung zu verbreiten. Beiträge des Symposiums Affekte als Kleister der Interaktion in der journalistischen Anschlusskommunikation Der Anspruch an den Journalismus, im gesellschaftlichen Diskurs neutral zu vermitteln, ist kaum mit einer Gesellschaft vereinbar, die bei zentralen politischen Fragen (vgl. Teichler et al. 2023) affektiv geprägte Auseinandersetzungen in digitalen Diskursräumen austrägt. Vor dem Hintergrund theoretischer Konzepte zu Affekt und Emotion (Wetherell 2012) werden affektive Muster in journalistischen Beiträgen und die Resonanz in Kommentarbereichen vorgestellt. Dabei werden Interventionen der Redaktionen und ihr Ausbleiben in Bezug auf das affektive Geschehen in der Anschlusskommunikation beschrieben. Aus den empirischen Ergebnissen wird ein präventiver Umgang mit negativen Phänomenen in digitalen Resonanzräumen abgeleitet. Rationalität in Kommentarbereichen wird eher möglich, wenn durch das Verstehen affektiven Geschehens auf Resonanz eingegangen werden kann. Solche Dynamiken transparent zu machen, bevor Hass und Desinformation die Diskursräume beherrschen, wird als neue Rolle moderierender Journalist:innen relevant. Der Vortrag leistet einen Beitrag zur Diskussion um neue Kompetenzen und ein verändertes journalistisches Rollenverständnis angesichts der digitalen Herausforderungen. Strategien im Umgang mit unbewussten toxischen Mustern in der Kommunikation Anhand von Beispielen aus der journalistischen Praxis werden verschiedene Konzepte aus der Psychotherapie diskutiert, die Community-Manager:innen beim Verstehen und Management des unbewussten affektiven Geschehens unterstützen können. Dafür müssen Konzepte, die für eine geschützte private Situation entwickelt wurden, für die öffentliche Kommunikation adaptiert werden. Journalist:innen sollen ausdrücklich keine therapeutische Funktion übernehmen. Nach Evaluationsergebnissen von Pilotworkshops erweisen sich als geeignet: Das Szenische Verstehen (Lorenzer 1986), das das Konzept der affektiven Übertragung und Gegenübertra-gung in den kulturellen Raum transferiert; das Containment nach Bion (1997), das einen An-satz bietet, destruktive Affekte nicht auszuagieren, sondern zu bearbeiten; und das Etablieren eines Kommunikationsrahmens (Strauß 2022:166 ff.), der Strukturen und Grenzen setzt. Auf dieser Grundlage werden Haltungen für die digitale Kommunikation konzipiert. Damit erfolgt ein Transfer der in Vortrag 1 dargestellten Forschungsergebnisse in die Praxis. Kontamination des Alltäglichen: Affektive Strategien im „Donauboten“ Der Vortrag analysiert anhand der ehemaligen Ingolstädter Lokalzeitung „Donaubote“ (1927 bis 1945) die instrumentelle Einbindung lokaler Berichterstattung in nationalsozialistische Pro-pagandastrategien in der Weimarer Republik. Analysiert werden affektive Muster, mittels derer alltägliche Lokalereignisse für politische Mobilisierung funktionalisiert wurden (Venema 2023: 49). Methodisch erfolgt eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (vgl. Mayring 2022). Zur Iokalen Berichterstattung in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus liegen bislang kaum Untersuchungen vor, dem Donauboten kommt in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zu (vgl. Neuberger/Tonnemacher 1995: 260). Der Beitrag leistet einen medienhistorischen Beitrag zur Erforschung lokaler Presse vor der Gleichschaltung und demonstriert, dass das Panelthema über mediale Praktiken historische Kontinuitäten besitzt. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass sich die wiederkehrenden Muster systematisch in der Lokalberichterstattung der Weimarer Republik nachweisen lassen.
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